Die Gesellschaft in Zeiten von Corona

journalistisch-philosophische Berichte von Veselin Kolev



9.08.2020
Die Kraft von Worten und Fotos
Journalisten und Fotografen leisten während der Pandemie wertvolle Arbeit für uns alle. Vertreter der seriösen Medien berichten sorgfältig und gewissenhaft. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Nuancen bei jedem Wort und bei jedem Foto!

Fakten sind Fakten. Doch die Wahl von Perspektive und Worten kann eine Aussage verstärken. Sie kann Gefühle entstehen lassen oder verstärken. Beide obigen Bilder zeigen eine und dieselbe Szene aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Keines ist manipuliert, beide sind wahrheitsgetreu. Das eine Bild suggeriert einen überfüllten Strand mit vielen sorglosen Menschen. Das andere macht den Eindruck von kleinen Gruppen normaler vernünftiger Menschen, die Abstände einhalten während sie ihre Freunde treffen. Das linke Bild macht uns Sorgen, das rechte beruhigt uns.

Ähnlich verhält es sich mit der Wahl von Worten, wie das folgende Beispiel zeigt:


"Aufgrund der Corona-Pandemie fällt das Sommerfest 2020 aus"

"Aufgrund des grassierenden Coronavirus fällt das Sommerfest 2020 aus"


Beide Sätze sind inhaltlich korrekt. Doch ein einziges Wort, "grassieren", weckt bereits Vorstellungen und Emotionen in uns. Denken wir daran: Jede Nachrichtenmeldung, jedes Interview, jeder Bericht kann aus Hunderten von Worten bestehen und jedes Wort kann kraftvoll sein.

Während der Pandemie gehören auch Grafiken zum alltäglichen Medienkonsum. Beide unteren Grafiken zeigen dieselbe Situation zum selben Stichtag. Der gut informierte Leser erkennt sofort die kumulierten Fälle links und die täglichen Neuinfektionen rechts. Ein Laie hingegen sieht links eine Kurve, die immer wächst: mal schneller, mal langsamer. Rechts hingegen ein Verlauf, der mal wächst und mal fällt.
Die Welt um uns herum ist weder schwarz noch weiß. Selbst die Fakten, die Wirklichkeit unseres Lebens, hat mehrere Facetten. Trotz sorgfältig aufbereiteter Informationen lohnt es sich für jeden Leser, auf Wortwahl, Perspektive und Betonung zu achten.





3.07.2020
Zuerst der Gesundheitsschutz. Doch was kommt dann?
Gute Fotografen achten nicht nur auf das Hauptmotiv. Vorder- und Hintergrund können die Bildaussage deutlich verstärken! Denselben Weitblick brauchen wir, wenn wir die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise würdigen.

So sehen wir im Vordergrund den Elbstrand. Er steht für Naherholung, Sport, soziale Kontakte - ein Symbol Hamburger Lebensfreude. Im Hintergrund ist der Hamburger Hafen. Der internationale Handel ist ein Motor der Wirtschaftstätigkeit in Deutschland. Die Frage der Fragen: Welches Bildelement ist uns am wichtigsten?

Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle hierüber herrscht 2020 ein breiter Konsens innerhalb der Gesellschaft. Doch was kommt als zweites? Den Hamburger Hafen zeigen die Medien vermehrt als Sinnbild der zurzeit schwächelnden deutschen Wirtschaft. Sie ist neben der medizinischen Komponente das bestimmende Thema öffentlicher Diskussionen. In einem Strategiepapier äußert der Wirtschaftsrat Deutschland Ende April 2020 Sorgen, dass der Lockdown eine massive Insolvenzwelle und den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen zur Folge hätte. Das Ergebnis wäre ein "erheblicher Wohlstandsverlust für die allermeisten Bundesbürger".

Ist also die Wirtschaft am wichtigsten? Immerhin hängen die Existenz und der Wohlstand jedes Einzelnen von einer intakten Volkswirtschaft ab. Ein Gleichgewicht in diesem System ist entscheidend für unser Leben. Die Finanzkrise 2007 zeigte, dass selbst abstrakte, monetäre Turbulenzen ganz schnell die realen Güter und damit unser reales Leben beeinflussen können.

Doch messen wir alles mit Zahlen? Wie ist es mit dem menschlichen Bedürfnis nach sozialen Kontakten? Gesundheitsfördernde Aktivitäten wie Sport? Wie vergleichen wir monetäre Werte mit kulturellen Werten? Wohlstand ist vielleicht messbar, doch wie misst man Lebensfreude?


"Wohlstand kann man vielleicht beziffern. Doch wie misst man Lebensfreude?"

...fragt der Autor


Es gibt Perspektiven und Erkenntnisse, die andere Aspekte mindestens gleichrangig mit der Ökonomie einstufen. Ein Lehramtsstudent empfindet den verstärkten Fokus auf die Wirtschaft als grenzwertig und einseitig. Vielmehr sollen elementare menschliche Bedürfnis im Mittelpunkt stehen, beispielsweise Nähe zu Mitmenschen und Austausch. Das Recht auf Bildung ist seiner Meinung nach essenziell. Er sieht die Gefahr, dass Homeschooling und das Losreißen von den Schulkammeraden Ungleichheiten zwischen den Schülern noch verstärken vor allem zu Lasten von Kindern, die ohnehin benachteiligt sind. Diese stammen in der Regel nicht aus wohlhabenden Verhältnissen und/oder erleben vermehrt Spannungen in der Familie.

Ein ganzheitlicher Therapeut warnt vor den langfristigen gesundheitlichen Folgen für junge Menschen. Seine langjährige Erfahrung zeige, dass traumatische Erlebnisse aus der Kindheit bestimmte Menschen ein Leben lang beeinträchtigen. Dabei können Kinder ein einmaliges traumatisches Erlebnis (z.B. eine Misshandlung) in der Regel besser verarbeiten als gefühlte Unterdrückung über einen längeren Zeitraum. "Die Vernunft ist bei Kindern noch nicht so ausgeprägt wie bei Erwachsenen. Das Losreißen vom gewohnten Leben, das nicht spielen dürfen mit anderen Kindern, erleben sie auf psychischer Ebene so intensiv wie ein Erwachsener einen Aufenthalt im Gefängnis. Egal wie gut die Eltern auf der Sachebene argumentieren: die Gefühlswelt des Kindes malt trotzdem eine Bestrafung."


"Nicht spielen zu dürfen fühlt sich für Kinder genau so an
wie ein Gefängnisaufenthalt für Erwachsene"


ein ganzheitlicher Therapeut


Als junge Erwachsene entwickeln traumatisierte Personen unter Umständen asoziale, aggressive oder depressive Tendenzen. Das können Langzeitschäden werden, die uns als Gesellschaft noch Jahrzehnte in der Form von Unmut und Kriminalität begleiten, weil diese Menschen gerade jetzt ins Erwachsenenleben einsteigen. Außerdem ist es nach Auffassung des Therapeuten unmenschlich, Kindern beim Besuch der Großeltern oder schon beim Gedanken daran Schuldgefühle zu einzujagen. "Das ist gesundheitlich wie gesellschaftlich fatal".

Die Pandemie hat uns gezwungen, innerhalb kürzester Zeit zu priorisieren. Was schließen wir als letztes? Und was öffnen wir als erstes? Hier offenbaren sich gesellschaftliche Werte und Prioritäten. Dieses Thema wird uns weiter treu bleiben. Ob wir wollen oder nicht wir werden uns darüber Gedanken machen müssen, was uns wichtig ist und was verzichtbar wäre. Spätestens wenn sich der Klimawandel zuspitzt.





26.06.2020
Sehnsucht nach Sommerloch
Ostfriesland. Sehr zu empfehlen! Ich finde, Politiker und Experten haben zuletzt harte und wertvolle Arbeit geleistet. Nun haben sie Urlaub verdient. Gern mehrere Wochen oder Monate am Stück. Eine Zeit ohne Briefings fände ich ganz gut. Keine Warnungen, keine Mahnungen, keine erhobenen Zeigefinger. Einfach Ruhe. Durchschnaufen für alle. So ein richtiges Sommerloch das wäre es!





2.06.2020
Die reale Märchenwelt
Ein märchenhafter Parkspaziergang ist im Krisenjahr 2020 kein Traum. Er ist Realität!





25.05.2020
Gedämpfte Aufbruchstimmung an Nord- und Ostsee
Ein magischer Tag am Meer: Als letztes norddeutsches Bundesland beendet Mecklenburg-Vorpommern heute das Einreiseverbot für Touristen aus ganz Deutschland. Erste Urlauber kommen mit ihren Koffern an. Von Massentourismus und Ballermann fehlt jede Spur sie haben an Nord- und Ostsee, abgesehen von wenigen Hotspots, ohnehin keine Tradition. Es überwiegt die stille Freude des ausgiebigen Strandspaziergangs. Das, wofür Tausende Menschen jährlich hierhin reisen.

Hoffnung macht sich bei Gastronomen und Hoteliers breit, wenngleich gedämpft. Bei maximal 60 Prozent Auslastung der Hotels sowie Abstands- wie Kontaktdatenregeln in Restaurants rechnen sie nicht mit großen Gewinnen. Selbst Kostendeckung wäre 2020 ein Segen, zumal die oft noch in Kurzarbeit befindlichen Angestellten mancherorts einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Laut Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) geben 81,5 Prozent der Restaurantbetreiber an, dass wirtschaftliches Arbeiten (d.h. mehr Umsatz als Kosten) unter den jetzigen Auflagen nicht möglich ist.

Immerhin geht es weiter, immerhin ist die Zeit des Stillstands vorerst überstanden. Ähnlich dürfte die Stimmung bei den Urlaubern sein. Gewiss vermisst manch einer das Frühstücksbuffet oder die Sauna. Dennoch: Der Strandspaziergang entschädigt für einiges. Er ist wie gemacht für all jene, die zu sich selbst finden möchten. Die räumlich und emotional Abstand von den alltäglichen Sorgen gewinnen möchten.

Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland hat beim Infektionsschutz derart vorbildlich mitgewirkt, dass der von vielen Gesundheitsexperten totgesagte Sommerurlaub 2020 doch noch in vernünftigem Maße möglich ist. Solange Einheimische und Reisende gleichermaßen rücksichtsvoll weitermachen, dürften Einreiseverbote endgültig der Vergangenheit angehören.





22.05.2020
Das gute Miteinander Beispiel Bergwandern

Eine neue Lebensqualität: Seit dem 6.05.2020 gelten in Bayern keine Ausgangsbeschränkungen mehr, sondern Kontaktbeschränkungen. Damit sind Bergtouren wieder möglich! Der Deutsche Alpenverein (DAV) freut sich, dass die Bergsportgemeinschaft durch ihren wochenlangen Verzicht zur Eindämmung des Virus beigetragen hat. Dennoch ist es wichtiger denn je, gewisse Regeln einzuhalten. "Es geht darum, gewonnene Freiheiten so zu nutzen, dass eine neuerliche Zunahme der Ansteckungen verhindert wird," erinnerte DAV-Präsident Josef Klenner.

Neben den üblichen Abstands- und Hygieneregeln legt der DAV allen Sportlerinnen und Sportlern ans Herz, ihre Risikobereitschaft zu senken. Wer im Zweifel den leichteren Pfad nimmt, seine Tagesform nicht überschätzt, der schützt nicht nur sich. In Zeiten der Pandemie können Rettungsdienste und Mediziner vor noch größeren Herausforderungen stehen.

Die Dame gehört zu den Menschen, für die sämtliche Infektionsschutzmaßnahmen nie scharf genug sein können. Jeder Person, die ohne dringende Notwendigkeit das Haus verlässt, handelt in ihren Augen unverschämt rücksichtslos. Auf der anderen Seite lauern Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, die demonstrativ und vorsätzlich Abstandsregeln missachten. Sie demonstrieren ausgerechnet jetzt, wenn Deutschland hinsichtlich der Epidemiewelle kurz vor dem Ziel ist. Skurril ist, dass ein Großteil der Einschränkungen, die Unmut wecken, entweder schon aufgehoben ist oder kurz davor.

Etliche Empfehlungen entfalten ihre Logik auch über die Corona-Zeit hinaus! Beispielsweise sollte der Wanderer seine Rast am Gipfel etwas verkürzen, wenn vermehrt Gleichgesinnte dort ankommen und auch verweilen möchten. Rücksicht ist für den "echten" Bergsportler ohnehin Ehrensache. Der Schutz der Natur gehört dazu: Abfälle mitnehmen, Wildtiere und Pflanzen nicht stören, z.B. durch Lärm oder durch Verlassen der Wege.

Übrigens: Die Abstandsregeln, die wir seit der Pandemie kennen, galten in Bezug auf Kühe schon immer! Mit ausreichender Distanz, besonnener Körpersprache und gesundem Menschenverstand kommt man an die meist friedfertigen Zeitgenossen elegant vorbei selbst wenn der "Begegnungsverkehr" imposant wirkt.





11.05.2020
Kommentar: Bleibt gesund. Bleibt gelassen!

Für die einen bedeutet jede Lockerung ein nahender Weltuntergang. Für die anderen ist jeder kleine Verzicht der Weltuntergang. Ich frage mich: wo ist der gesunde Mittelweg zwischen diesen zwei Extremen? Denn sie bestimmen zunehmend die öffentliche Diskussion. Gemäßigte, differenzierte Betrachtungen bleiben auf der Strecke. Sie sind von Natur aus eher still.

"Wer immer noch joggen will, gehört eingesperrt!", äußerte eine Facebook-Nutzerin Ende März 2020. Fakt ist, dass Joggen in Deutschland zu jeder Zeit erlaubt war und ist auch auf Rat führender Virologen. Fakt ist ebenso, dass die Dame diese Meinung in unserer Demokratie äußern darf. Sie ist jedoch so extrem und so unschön ausgedrückt, dass sie mit dazu beigetragen hat, die Solidarität unserer Gesellschaft zu schwächen.

Die Dame gehört zu den Menschen, für die sämtliche Infektionsschutzmaßnahmen nie scharf genug sein können. Jede Person, die ohne dringende Notwendigkeit das Haus verlässt, handelt in ihren Augen unverschämt rücksichtslos. Auf der anderen Seite lauern Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, die demonstrativ und vorsätzlich Abstandsregeln missachten. Sie demonstrieren ausgerechnet jetzt, wenn Deutschland hinsichtlich der Epidemiewelle kurz vor dem Ziel ist. Skurril ist, dass ein Großteil der Einschränkungen, die Unmut wecken, entweder schon aufgehoben ist oder kurz davor.

Symptomatisch für die Spaltung unserer Gesellschaft waren die Reaktionen auf die Meldungen des Robert-Koch-Instituts, dass die Reproduktionszahl am 10. und 11. Mai 2020 zwischenzeitlich auf über 1 gestiegen ist. Die einen sehen sich bestätigt, dass die Lockerungen viel zu früh kamen und bald das böse Erwachen zu Buche schlägt. Die anderen nehmen die Berechnungen des RKI seit Wochen nicht mehr ernst. Journalisten wie Youtuber spiegeln dieses gesellschaftliche Spektrum wieder. Differenzierte Berichte, welche über die reine Meldung oder deren Kritik hinaus gehen, sind Mangelware.


"Gibt es eine vernünftige Mitte zwischen panischer Angst und pauschaler Wut?"

Veselin Kolev, freier Journalist und Fotograf


Nicht alle machen das, was aus meiner Sicht vernünftig ist. Nämlich, den Experten zu vertrauen und ihre Arbeit zu würdigen und zu schätzen. Im zweiten Schritt allerdings darf jeder mündige Bürger die Zahlen, Grafiken und Berichte des RKI unter die Lupe nehmen. Dabei ist mit bloßem Auge erkennbar: Die Reproduktionszahl schwankt. Sie liegt an manchen Tagen über 1, an anderen Tagen unter 1. Da sie in den letzten Wochen öfter und deutlicher unter als über 1 lag, sind die Fallzahlen insgesamt rückläufig. So gelange ich schnell und unkompliziert zum Fazit: Es ist weiterhin geboten, vorsichtig und rücksichtsvoll zu handeln. Doch Anlass zur Panik besteht seit Wochen nicht und am heutigen Tag auch nicht.

Ja, es gibt die rücksichtsvollen Menschen, die besonnen und bewusst handeln. Sie leben vorsichtig und strahlen dennoch gute Laune aus. Sie halten sich an Regeln aus Überzeugung und zum Wohle ihrer Mitmenschen. Gleichzeitig hinterfragen sie auf höfliche und zivilisierte Art und Weise Regeln, die möglicherweise über das Ziel hinausschießen. Die vernünftigen, liebevollen Bürgerinnen und Bürger sind die tragenden Säulen unserer Demokratie. Lassen wir sie verstärkt zu Wort kommen. Hören wir nicht immer auf die, die am lautesten schreien sei es vor panischer Angst oder vor pauschaler Wut.

Vergessen wir nicht, dass wir mit dem Gesundheitsschutz unserer Mitmenschen und mit der verantwortungsvollen Rückkehr zu einer Art Normalität gleich zwei gemeinsame Ziele haben. Bleiben wir gesund und bleiben wir gelassen.





10.05.2020
Einsame Ostseeküste wartet auf Besucher

Im April 2020 blieben die deutschen Ostseestrände Fischern, einheimischen Spaziergängern und vereinzelten Geschäftsreisenden vorbehalten. Nicht mehr lange: Das Einreise- und Beherbergungsverbot soll in Schleswig-Holstein am 18. Mai fallen. Gleichzeitig öffnen in Mecklenburg-Vorpommern Hotels für Einwohner des eigenen Bundeslandes, eine Woche später für alle Bundesbürger.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) bezeichnete die Lage von Hotels und Restaurants Ende April als "katastrophal". DEHOGA-Präsident Guido Zöllick warnte vor einer "Pleitewelle nie gekannten Ausmaßes" mit dem Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze.

Eine klare Mehrheit der Bundesbürger hält es für vertretbar und wünschenswert, bei günstiger Entwicklung der Fallzahlen zumindest innerhalb von Deutschland Urlaub machen zu dürfen. Dr. Martin Stürmer, Virologe und Laborleiter aus Frankfurt, weist darauf hin, dass die Öffnung Gefahren birgt. Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, die bis jetzt in der Pandemie glimpflich davonkamen, könnten sich durch Touristen das neuartige Coronavirus wieder verstärkt ins Land holen, äußerte er im ZDF-Livestream.

Hinterher werden wir als Gesellschaft mehr wissen und dazulernen. Sowohl die epidemiologischen als auch die volkswirtschaftlichen, psychischen und anderen Konsequenzen werden sich erst später offenbaren möglicherweise im Herbst. Auf Anfrage verweigerte Anfang Mai das Robert-Koch-Institut eine Stellungnahme, ob und unter welchen Bedingungen ein sicherer Beherbergungsbetrieb innerhalb Deutschlands diesen Sommer möglich ist. Was bis jetzt bekannt ist und was es vermuten lässt: Kapazitätsbeschränkungen um 40 bis 50 Prozent könnten zu hohen Preisen und dauerhaft ausgebuchten Hotels führen. Anstelle des Frühstücksbuffets müssten Gäste möglicherweise mit einem Lunchpaket Vorlieb nehmen. Wenn Anreise per Bahn, dann mit Mundschutzpflicht. Man könnte es als "Urlaub mit Hindernissen" empfinden. Doch in diesem so besonderen, schicksalhaften und oft wenig erfreulichen 2020 dürfte jeder Sommerurlaub als besonderes Glück in Erinnerung bleiben.





5.05.2020
Momente der Lebensfreude

Unter der Elbbrücke schaukeln zwei Mädels. Oben hören drei Jungs Musik. Vier andere essen Kartoffelchips. Diese Menschen verhalten sich regelkonform, denn wir sind hier in Sachsen-Anhalt, wo die Kontaktbeschränkung schon erheblich gelockert wurde.

Es kann jederzeit eine Pandemie kommen. Möglicherweise verläuft sie in mehreren Wellen. Darüber hinaus gibt es Wirtschaftskrisen, Überflutungen, Dürren. Manchmal eine akute Terrorgefahr. Doch früher oder später siegt das Leben und nicht die Angst vor dem Tod. Das ist die frohe Botschaft, die an diesem frühlingshaften Abend aus dem Herzen Magdeburgs in die ganze Bundesrepublik ausstrahlt. Noch mehr, in die ganze Welt!





4.05.2020
Sachsen-Anhalt Vorprescher oder Vorreiter?

Auf dem ersten Blick mag die Frage geeignet erscheinen, die politische Landschaft und die Bevölkerung zu spalten. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben. Das Gebot der Stunde ist, Leben und Gesundheit zu retten und gleichzeitig den Menschen so viel Freiheit wie möglich und vertretbar zurückzugeben.

Die Tagesschau berichte am 2.05.2020 online über die von der Staatsregierung beschlossenen Lockerungen. "Sachsen-Anhalt prescht vor": diese Überschrift erschien manchen Lesern tendenziös. Eine Mehrheit der Kommentatoren aus der Bevölkerung begrüßte die Lockerungen. Andere äußerten wiederum Befürchtungen, dass die Fallzahlen dadurch wieder steigen werden. Nutzer "Adeo60" bezeichnete die Erlaubnis einer Gruppenbildung bis zu 5 Personen als "unvernünftig".

Fakt ist, dass sich die Regierungschefs von Bund und Ländern am 30.04.2020 geeinigt hatten, über weitergehende Lockerungen erst am 6.05.2020 zu beraten. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz bezeichnete es als "befremdlich", zwischendurch mit Lockerungen auszuscheren. Fakt ist allerdings auch, dass darüber weitgehend Einigkeit herrscht, regionale Unterschiede des Infektionsgeschehens zu berücksichtigen.


"Einen Ausnahmezustand können wir nicht ewig aufrechterhalten"

ein Regierungssprecher des Landes Sachsen-Anhalt


Die Präambel der ab 4.05.2020 gültigen fünften Corona-Eindämmungsverordnung des Landes Sachsen-Anhalt offenbart eine politisch-philosophische Erkenntnis. Ein Großteil des Verhaltens zur Ausbremsung des Virus "basiert auf Einsicht und Freiwilligkeit der Beteiligten und lässt sich nicht allein durch staatliche Regeln vorschreiben." Notwendig seien ein "neues gesellschaftliches Verständnis" und Selbstdisziplin.

Trotz einzelner Zwischenrufe aus der politischen Landschaft verteidigte ein Regierungssprecher diesen Kurs: "Bisher waren die Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter sehr verantwortungsbewusst. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies auch weiter so sein wird. Einen Ausnahmezustand wie den gegenwärtigen können wir nicht ewig aufrechterhalten. Wann, wenn nicht bei einem deutlichen Rückgang des Infektionsgeschehens, sollen wir beginnen, dass öffentliche und wirtschaftliche Leben verantwortungsvoll und behutsam wieder hochzufahren?"

"Vorprescher oder Vorreiter?" Diese Frage werden erst die Geschichtsbücher endgültig klären können. In den darauffolgenden Tagen gaben unter anderem Niedersachsen und Bayern einen vorbehaltlichen Zeitplan der schrittweisen Rückkehr zur Normalität bekannt. Neben dem rechtlichen Aspekt der ständigen Überprüfung der Notwendigkeit dürfte sicher eine Rolle gespielt haben, die überwiegend vorbildliche Bevölkerung ein Stück weit zu belohnen.





1.05.2020
Coronafreies Rostock - wie viel Zuversicht darf es sein?

Werden Menschen nachlässig und übermütig, sobald man ihnen Hoffnung macht? Am 23.04.2020 meldete Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen, dass der letzte Covid-19-Patient in der Hansestadt genesen ist. So erklärte er Rostock zur ersten coronafreien Großstadt in Deutschland.

Focus Online berichtete von einer "gemischten Stimmung" bei den Einwohnern der Hansestadt. Eine skeptische Lehramtsstudentin bezeichnet den Auftritt des Bürgermeisters als "leichtsinnig". Er suggeriere, dass die Krise vorbei sei und könne die Bürger dazu bewegen, "alle Sicherheitsmaßnahmen in den Wind zu schlagen".

Im April 2020 warnen deutsche Spitzenpolitiker Tag für Tag, dass allzu viel Optimismus gefährlich sein könnte, wenn er bei den Menschen Unvernunft und Leichtsinn weckt. Selbst erfreuliche Entwicklungen der Fallzahlen präsentieren sie mit zögerlicher Rhetorik und viel Wenn und Aber. In diesem Tenor äußert sich auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zur Entwicklung in Rostock. Sie freue sich darüber, dennoch sage sie ganz klar: "Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Wir haben es weiter mit einer hochansteckenden Krankheit zu tun. Es muss verhindert werden, dass es nach Lockerungen zu einem erneuten sprunghaften Anstieg der Infektionen kommt." Diese Floskeln sind inzwischen fast jedermann bekannt sei es aus dem näheren Umfeld oder aus dem Bundeskanzleramt.


"Angst ist kein guter Ratgeber"

Claus Ruhe Madsen, Oberbürgermeister der Hanse- und Universitätsstadt Rostock


Oberbürgermeister Madsen betont, dass er auf seine "Coronafrei"-Statements überwiegend positive Reaktionen erhalten habe - aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. Ihm sei es wichtig, jetzt vor allem positive Motivationen nach vorn zu stellen: "Viele Menschen sind durch die Vielzahl der teilweise drastischen Maßnahmen sehr verängstigt. Doch Angst steht nicht für unsere Stadt, sondern Optimismus und Zukunftsgewandtheit."

Stimmt es, dass die Bevölkerung optimistische Aussagen von Politikern voreilig als Entwarnung wahrnimmt? Werden Menschen dann nachlässig und leichtsinnig? Prof. Dr. Peter Kropp, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universitätsmedizin Rostock, findet die Sorge berechtigt. Der Psychologe geht davon aus, dass in Phasen von Lockerungen die Regel-Übertretungen häufiger sind als bei komplettem Lockdown. Außerdem können Verstöße zu noch mehr Verstößen führen. Ähnlich wie bei einer Schafherde: die Hemmschwelle bei grenzwertigen Tätigkeiten sinkt, je mehr man dasselbe Verhalten bei anderen Menschen beobachtet.

Andererseits betont Kropp, dass das Signal schrittweiser Lockerungen wichtig ist als Perspektive für das weitere Leben der Menschen. Der Einzelne spürt eine gewisse Erleichterung, wenn er die Einschränkungen zeitlich einordnen kann. Für politische Entscheidungsträger entsteht eine respektable Gratwanderung, zumal sie zurückrudern müssten sobald die Infiziertenzahlen wieder signifikant steigen.

Das Krisenmanagement des Oberbürgermeisters Madsen könnte für ganz Deutschland wegweisend sein. Er machte frühzeitig den Ernst der Lage deutlich und die Hansestadt reagierte entschlossen. Entgegen den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts testete sie unter anderem Ärzte und Pfleger, auch wenn sie symptomfrei waren. Ebenso frühzeitig und entschieden kommunizierte Madsen den Erfolg an die Bevölkerung sei es auch nur ein Zwischenerfolg. "Es geht jetzt darum, einen Weg aus der Krise hinaus zu weisen, der nicht von Angst, Leichtsinnigkeit und Negativ-PR geprägt ist. Angst ist kein guter Ratgeber", betont Madsen. "Optimismus, das sind Lebensfreunde und der Glaube an das Leben - und genau dafür steht Rostock."

Wachsamkeit und Optimismus müssen sich nicht ausschließen. Die Hansestadt Rostock hat in der Corona-Pandemie vorerst einen erfolgreichen Mittelweg aus Vernunft und Hoffnung entdeckt.





24.04.2020
Die Sorgen Merkels Psychologie trifft Staatsrecht
"Wer zu früh aufsteht, riskiert einen Rückfall". Diesen Satz kennen wir, nicht erst aus einer Pressekonferenz des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder. Bestimmt hat ihn fast jeder von uns in der eigenen Kindheit gehört. Vor wenigen Tagen zeigte sich zudem Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel sehr besorgt, ob sich die Bürger weiterhin an die Schutzmaßnahmen halten. Solche Worte offenbaren die klassische Eltern-Kind-Beziehung. Sie ist geprägt von Liebe, Fürsorge und Restriktionen.

Meine Wertschätzung gilt den deutschen Spitzenpolitikern, die ihre "Elternrolle" äußerst fürsorglich, herzlich und vernünftig leben. Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen, wollen maximale Sicherheit und maximales Wohlbefinden für jeden Einzelnen. Wenn das Kind nach einwöchiger Grippe erstmals neue Kraft spürt, möchte es rausgehen und mit den anderen Kindern spielen. Doch die Eltern durchleiden jede Erkrankung des Kindes intensiver als ihre eigenen. Verantwortungsvoll sagen sie: "Nein, liebes Kind, du bleibst noch ein paar Tage im Bett und kommst nur in kleinen Schritten zurück ins gewohnte Leben."

Hier sprechen Vernunft und Fürsorge. Eltern, die bereits Rückfälle ihres Kindes erlebt haben, sind besonders vorsichtig. Doch die Gefühlswelt mischt sich mit ein. Manchmal ist das Kind bereits gesund, doch die Eltern haben sich noch nicht vom Schock erholt, dass das Kind krank geworden ist. Also liegt das Kind möglicherweise länger im Bett als notwendig, zur Beruhigung seiner eigenen Eltern? Eine gewagte Frage, die für kontroverse Diskussionen prädestiniert ist.

Dabei sind die Zusammenhänge keinesfalls trivial. Die Krankheit ist eine akute Gefahr für das Kind. Doch sollte ein Kind längere Zeit nicht mit anderen Kindern spielen, also kommunizieren, könnte das sein Leben beeinträchtigen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zeit vom vierten bis zum siebten Lebensjahr entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit ist. Dieser Zeitraum ist so knapp, dass es Eltern nicht verantworten können, das Kind monatelang ohne Notwendigkeit zu isolieren. Es geht keineswegs nur um Lebensfreude und eine erfüllte Kindheit. Spiele und kleine Streitereien fördern soziale Kompetenzen. Ohne sie fällt es diesen Menschen unter Umständen ein Leben lang schwer, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und sich im Beruf zu entfalten. Kommunikation ist alles Berufsleben, Privatleben und Lebensfreude.

Ab wann ist das Kind zu hundert Prozent genesen? Ab wann überwiegen die Langzeitschäden durch das Nicht-Rausgehen-Dürfen? An diesem heiklen Punkt steht Deutschland im Moment bei der Pandemiebekämpfung. Wir handeln entschlossen, um eine akute Gefahr für menschliches Leben abzuwehren. Der Erfolg ist spürbar und messbar wir erhalten täglich aktuelle Zahlen. Im Moment machen sie uns Hoffnung. Die Auswirkungen von Isolation, Kurzarbeit und sonstigen Belastungen kommen eher schleichend. Sie mit Zahlen und Grafiken aussagekräftig zu beziffern, dürfte für Wissenschaftler sehr herausfordernd sein.

Aus diesem Grund erinnert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der dritten Ad-hoc Stellungnahme vom 13.04.2020 an die Gratwanderung, die jetzt geboten ist. Die Verhältnismäßigkeit muss Tag für Tag überprüft werden. Eine Maßnahme muss "geeignet, erforderlich und angemessen" sein. Nun haben die meisten Bürgerinnen und Bürger kein Verwaltungsrecht studiert. Insbesondere im März 2020 hörte und las ich vermehrt Rufe: "Wir wollen Menschenleben retten. Je strenger die Maßnahmen, desto besser." Doch die Grundsätze unserer freiheitlichen Demokratie und ihre Auslegung durch oberste Verfassungsrichter sprechen eine andere Sprache. Es reicht nicht, ein richtiges Ziel zu verfolgen, sei es der Schutz der Bevölkerung oder die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die Maßnahmen müssen exakt auf dieses Ziel zugeschnitten wirken. Wenn das Ziel mit einem milden Mittel erreichbar ist, ist das harte Mittel nicht verhältnismäßig und daher rechtswidrig.

Diese Pandemie ist eine außerordentliche Herausforderung. Zumindest in Deutschland haben wir keine Erfahrungswerte aus der jüngsten Vergangenheit. So war es richtig und wichtig, frühzeitig zu handeln um Gefahren abzuwehren. Doch Tag für Tag lernen wir dazu und dieses neue Wissen können wir einsetzen um zu überprüfen, welche Schutzmaßnahmen weiterhin notwendig und vertretbar sind und welche nicht.

Hierzu zeigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestern eine beeindruckende Weitsicht. "Wir werden viel verzeihen müssen," sagte er. Möglicherweise würde er in einem halben Jahr seine eigenen Entscheidungen von heute kritisch hinterfragen, wenn neue Erkenntnisse vorliegen. Das trifft es auf den Punkt. Weder Kinder noch Eltern oder Politiker sind unfehlbar, gar perfekt. Das gesamte Leben ist ein Lernprozess. Und in einem halben Jahr werden wir möglicherweise schon wirksame Alternativen zum Lockdown kennen.

In jungen Jahren vertrauen Kinder auf den Sachverstand der Eltern. Sie haben mehr Lebenserfahrung, sind größer, stärker und versorgen einen mit allem, was man zum Leben braucht. Ähnlich vertrauen Bürger in die Politik, insbesondere jetzt in Krisenzeiten: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand". Der Moment der Wahrheit kommt, wenn Kinder erwachsen werden. Meistens erkennen sie, wie sehr die Eltern Recht hatten. Mit 28 kam ich zur Überzeugung, mich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Eigentlich hätte ich nur auf meine Eltern hören sollen, die dasselbe vor mehr als zehn Jahren predigten. Doch manche Kinder stellen fest, dass die Eltern hier und da Fehler gemacht haben, etwa indem sie ein besonders braves Kind besonders streng behandelt haben.

Es gilt tatsächlich, zu verzeihen und weiterhin zu lieben und zu danken. Denn Eltern sind genauso Menschen wie eben Politiker. Vielleicht wurden sie ihrerseits in der Kindheit ungerecht behandelt. Vielleicht stehen sie in einer kritischen Situation mit dem Rücken zur Wand und bangen um das, was ihnen am wertvollsten ist: das eigene Kind oder die Bürgerinnen und Bürger. Die jüngsten Äußerungen der Bundeskanzlerin lassen erahnen, wie viel Anspannung sich in dieser sonst so gelassenen, sachlich-ausgeglichenen und frohen Person angesammelt hat. Diese menschliche Komponente voller guter Absichten verdient ungeachtet der politischen Tätigkeit unser Mitgefühl und unsere Sympathie.





18.04.2020
Der Blog geht online!
Etwas unfreiwillig erleben wir im Moment pure Zeitgeschichte hautnah. Selbst Menschen, die gesundheitlich wohlauf sind, spüren eine gesellschaftliche Ausnahmesituation. Ob Virus oder Einschränkungen vieles wirkt bedrohlich und ungewiss. Ich kann nicht länger zusehen, wie die Menschen immer leiser, immer unsicherer werden. Dieser Blog ist meine Antwort auf die Stille.

Das erfreuliche am Lockdown ist, dass wir durch Nichtstun Menschenleben retten können. Ob ich die jetzige Entschleunigung in einem Leben ohne Einschränkungen jemals erfahren hätte? Doch ich werde ehrlich sein. Arbeiten, essen, schlafen und sonst monatelang abwarten im Sinne des Gesundheitssystems dieser Zweck und Inhalt menschlichen Lebens reicht mir nicht. Gerade jetzt ist es geboten, dass jeder seine Fähigkeiten im Sinne der Gesellschaft einsetzt. Das war es schon immer, aber jetzt ist es akut. Die einen sind körperlich stark, die anderen erfinderisch, Dritte können die Erfinderischen finanzieren. Andere wiederum stärken die Psyche notleidender Menschen. Ich persönlich habe Erfahrung im Schreiben und Fotografieren. Immerhin.

Mein Herzenswunsch ist, Euch Lesern Orientierung und Zuversicht zu schenken. Gerade in turbulenten Zeiten schulden Journalisten und Schriftsteller jedem Einzelnen ein gewisses Etwas. Sorgfältig recherchierte Informationen und ihre differenzierte Betrachtung stützen unsere stolze Demokratie. Meinen Fokus lege ich auf den Bereich Gesellschaft. Wie lebten wir vor Corona? Wie leben wir jetzt mit den Einschränkungen? Wie machen wir danach weiter? Die großen politischen Fragen werde ich vorerst nicht beleuchten. Doch mit kleinen lebendigen Geschichten werde ich mich immer mehr an sie herantasten.

Positive Impulse und Denkanstöße... Höchstes Ziel ist, mündige Bürger zu fördern, die weiterhin vernünftig, aber lebensfroh agieren. So dynamisch wie sich die Gesellschaft wandelt, so werden auch meine Texte sein. Es könnten Berichte für Tageszeitungen werden, es könnte ein Roman werden oder eine Bildausstellung. Darüber mache ich mir später Gedanken.

Ich brenne für diese Idee. Weitere Artikel habe ich bereits im Kopf und kann es kaum erwarten, sie aufzuschreiben und mit vielen Menschen zu teilen. Wenn Du eine Geschichte aus dem gesellschaftlich-philosophischen Bereich erzählen möchtest, die hier reinpasst, schreibe mich gern an.





13.04.2020
Das Bestmögliche
Gewiss ist, dass wir in absehbarer Zeit nicht zu unserem gewohnten Leben zurückkehren dürfen. Machen wir aus der Not eine Tugend! Erkunden wir die nähere Umgebung oder machen wir verstärkt Sport und beachten dabei die geltenden Regeln. So geben wir jedem Tag die Chance, ein guter, erfüllter Tag zu werden. Glücksempfinden kennt keine Logik, es hängt nicht unbedingt von den Umständen ab. Jemand, der mit seinen Nächsten im Park spaziert kann mehr Glück empfinden als jemand, der eine Urlaubswoche in Hongkong verbringt. Wir haben jetzt die einmalige Chance, uns bewusst kleine Freuden zu gönnen. Ich bin gespannt, ob ich sie genauso oder sogar noch intensiver genieße als meine Aktivitäten vor der Corona-Zeit. Vielleicht mache ich jetzt Erfahrungen, die mein künftiges Leben zum Besseren ändern. Immer mehr, immer weiter, schneller, effizienter, lauter, luxuriöser... Das zu hinterfragen und bewusst das wahre Glück zu wählen, war es schon immer wert.






9.04.2020
Zug fahren ein besonderes Geschenk
Ich darf Zug fahren. Sogar mit dem schnellen, komfortablen ICE. Es fühlt sich sehr besonders an. Was lange Jahre selbstverständlich schien, ist im Frühling 2020 ein Privileg.

Halt! Nein! Ich will die Denkweise vergangener Tage zur Seite schieben. Ein Privileg war es schon immer. Nur wird es mir erst heute bewusst. Damit sich der Zug in Bewegung setzt, haben unzählige Menschen ihren Intellekt und ihre Arbeitskraft zum Wohle von uns allen eingebracht. Von den natürlichen Ressourcen ganz zu schweigen selbst wenn die Bahn umweltfreundlicher ist als andere Verkehrsmittel. Sobald ich meine Augen geöffnet habe, entdecke ich immer mehr Wunder. Die Gaben Tag für Tag auf dem Esstisch... Genieße ich sie wirklich? Ohne in Gedanken woanders zu sein? Denke und danke ich jedes Mal an die Menschen, die gearbeitet haben, um die Lebensmittel herzustellen?

2020 führte vor Augen, dass sich alles Liebgewordene von heute auf morgen aus unserem Leben verabschieden kann. Vom gemeinsamen Picknick bis hin zur eigenen Gesundheit: jedes Gut ist fragil. Das gilt genauso für Mobilität, für die Eisenbahn. Aus Eisenbahner- und Fachkreisen hört man die Sorge, dass bei hohem Krankenstand in einem einzigen Stellwerk möglicherweise halb Deutschland still steht. Eine Sprecherin der Deutschen Bahn ließ Zuversicht walten: Das Personal ist so bemessen, dass Ausfälle kompensiert werden können. Zum Beispiel sind Fahrdienstleiter so geschult, dass sie auch auf Nachbarstellwerken arbeiten können.

Froh und besonnen komme ich am Ziel an. Der Zug erreicht die Endstation mehrere Minuten zu früh. Eilig habe ich es nicht Termine sind zurzeit Fehlanzeige. Ich bleibe 4-5 Meter zurück, damit ein anderer Mann als erster in Ruhe aussteigen kann. Er lächelt mich an und nickt dankend. Dieser Moment beflügelt meinen Traum von einem liebevollen menschlichen Miteinander, das bis jetzt kaum Beispiele kennt. Vor der Krise drängten sich die meisten Menschen an den Türen. Jeder wollte möglichst als erster aussteigen und weiter düsen. Ich bin überzeugt: die gegenseitige Rücksicht und Wertschätzung bis hin zum alltäglichen Lächeln gegenüber "fremder" Menschen werden wir nach Corona beibehalten. Für die Zeit nach den Einschränkungen habe ich mir fest vorgenommen, bei jeder Begegnung darauf zu achten. Doch warum erst dann? Ich kann gleich jetzt damit anfangen...






4.04.2020
Tierische Gelassenheit
Abstand... Abstand... Na gut, komm Schmusen! :) Ach Miezi. Du machst es richtig. Den Moment genießen. Dir jeden Tag Dinge gönnen, die dir Freude machen. Und falls Herrchen aus Versehen in eine Pressekonferenz zappt, gehst du ins andere Zimmer. Oder einfach raus!






16.03.2020
Abschied vom gewohnten Leben
Noch ist das öffentliche Leben in Deutschland weitgehend intakt. Doch als erfahrener "Vielfahrer" spüre ich, wo die "Reise" hin geht. Ich beobachte besorgte Politiker und erkenne ihre Hinweise zwischen den Zeilen. Die Bürger sind zunehmend verunsichert, die Laune oft gedämpft. Vergangene Woche überkam mich nach dem Fußball die Melancholie. Auf ein erfrischendes Getränk sagte ich meinen Sportkammeraden, dass wir definitiv zum letzten Mal spielen. Die meisten glaubten mir nicht, dass es so weit kommt. Zwei Tage später wurde uns mitgeteilt, dass die Halle ab nächste Woche nicht benutzt werden darf.

Das Yoga, das Restaurantessen, der Besuch getrübt von der Endzeitstimmung versuchte ich, all das noch einmal zu genießen. So richtig unheimlich wurde die Entwicklung erst dann, als ich bei jeder Aktivität richtig erkannte, wann es das letzte Mal war.

So ist heute der vorerst letzte Ausflug in die Berge. Mir macht die Ansteckungsgefahr keine Sorgen. Vielmehr sehe ich eine große Welle von gesellschaftlichen und persönlichen Verlusten auf uns alle zukommen. Ich suche nach Zuflucht und finde keine. Äußere Umstände werden mein Leben kontrollieren und ich werde nicht einmal wissen, ob ich nächsten Monat meine Wohnung verlassen darf. Loslassen anstatt Festhalten das ist eine Lebensaufgabe. Sehr bald werden wir gezwungen, sie innerhalb weniger Tage zu meistern.

Ich wollte ohnehin eine neue Lebensphase einleiten weniger Freizeitstress, mehr Besinnung, mehr zwischenmenschliche, gesellschaftlich bedeutsame Aktivitäten. Ich wollte unbedingt selbst entscheiden, wann diese Phase beginnt und wie schnell der Übergang sein darf. Doch das Dasein in der Komfortzone ist ausgeträumt. Und das ist gut so! Jede Schwierigkeit fördert die eigene Kraft und Weiterentwicklung. Sie zaubert ungeahnte Chancen.

Mit jeder noch so schmerzhaft erzwungenen Leere entsteht Raum für Neues, ja für Wunderschönes. Vielleicht finde ich gerade in der sich anbahnenden Notsituation das wahre Glück. Vielleicht wird es eine ehrenamtliche Tätigkeit. Vielleicht wird es bloß, anderen Menschen Mut zu machen. Heute spüre ich am Ende meiner Wanderung, dass mich die Zuversicht zunehmend verlässt. Genau deswegen werde ich sie mit aller Kraft anderen Menschen geben.






9.03.2020
Auf was können wir verzichten?
"Verzicht" wird 2020 mit großer Wahrscheinlichkeit Wort des Jahres und Unwort des Jahres zugleich. Den Anfang hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in seiner heutigen Pressekonferenz gemacht. Da wir aufgrund der nahenden Epidemie mit Einschränkungen rechnen müssen, erläuterte er seine Überlegungen, welche Aspekte des Lebens eher verzichtbar sind als andere. Seine Worte beschäftigen mich. Eine allgemeingültig festgelegte Reihenfolge der Prioritäten im Leben bereitet mir Bauchschmerzen.

Wenn ich drei Personen zum Thema "Kaffee" befrage, könnten die Ergebnisse so aussehen:

Nr. 1: "Ein Leben ohne Kaffee ist kaum vorstellbar und in jedem Fall nicht lebenswert"
Nr. 2: "Auf Kaffee kann man locker verzichten"
Nr. 3: "Ein Leben ohne Kaffee ist gesünder und glücklicher als mit Kaffee"

Doch unterm Strich haben sich die Worte des Ministers als passend erwiesen. Gewissen Verzicht wird die Menschheit 2020 von fast jedem Individuum benötigen und verlangen. Die brisante Frage bleibt nur, wie weit dieser reichen darf.

Wie es der Zufall will, befinden wir uns mitten in der Fastenzeit. Der religiöse Hintergrund: einen Charaktertest überstehen, sich auf das Wesentliche besinnen. Ob Fleisch, Schokolade, Alkohol oder übermäßige Vergnügen: Verzicht reißt uns aus der Komfortzone heraus und gibt uns dadurch Kraft. Wer das Fasten überlegt und behutsam angeht, stärkt seine Gesundheit. Ich bin überzeugt, dass uns 2020 in vieler Hinsicht eine fast ganzjährige Fastenzeit beschert mit all den Qualen und all den Wundern, die das Heilfasten für Mensch und Umwelt parat hat.

Verzicht ist nicht zuletzt eine bewusste Entscheidung zu geben, anstatt zu nehmen. Menschen, die überproportional nehmen erscheinen mir nicht sonderlich glücklich. Noch mehr haben und nehmen






Ich freue mich über Anregungen, Lob und Kritik. Die E-Mailadresse ist unter "Kontakt" zu finden.

Wenn Du eine Geschichte aus dem gesellschaftlich-philosophischen Bereich erzählen möchtest, die hier reinpasst, schreibe mich gern an.