Die Gesellschaft in Zeiten von Corona

journalistisch-philosophische Berichte von Veselin Kolev



21.02.2021
Schleswig-Holstein: Tagesausflüge ans Meer erlaubt
In Schleswig-Holstein ist ein Strandspaziergang auch für Menschen aus anderen Bundesländern erlaubt. Nach Aussagen des Tourismusministers des Landes, Bernd Buchholz (FDP), soll das 2021 so bleiben. Das benachbarte Mecklenburg-Vorpommern hingegen hält an seinem grundsätzlichen Einreiseverbot fest. Der NDR berichtete von verstärkten Polizeikontrollen an diesem Wochenende, etwa im Raum Boltenhagen oder auf der Zufahrt zur Insel Usedom. Mehr als 500 Fahrzeuge mussten umkehren.


"Kontrollen an der Grenze zu Hamburg wollen wir nicht wieder erleben"

Bernd Buchholz (FDP), Wirtschaftsminister des Landes Schleswig-Holstein
im Interview mit dem Spiegel am 20.02.2021


Für Schleswig-Holstein sei ein Verbot von Tagesausflügen laut Buchholz kein realistisches Ziel. Im Interview mit dem Spiegel erinnerte er daran, dass das nördlichste Bundesland mit Hamburg eine Metropolregion bildet. Es wäre eine unsinnige Regelung, einem Bewohner von Stormarn den Strandspaziergang zu ermöglichen und dem 500 Meter weiter wohnenden Hamburger nicht.

Hinsichtlich einer Wiedereröffnung der Tourismusbranche, vielleicht schon im April, zeigt sich Buchholz zuversichtlich, solange sich die Menschen weiterhin diszipliniert verhalten. Dieses Jahr stünden Schnelltests und verbesserte Mechanismen der Kontaktnachverfolgung zur Verfügung. Die "Strandampel" zur Steuerung der Besucherströme habe sich an der Lübecker Bucht bewährt und soll auf weitere Küstenabschnitte ausgeweitet werden.





17.02.2021
Kommentar: Böblingen zeigt Deutschland den Weg
Ist das die Blaupause für Deutschland, wie unsere Gesellschaft nach monatelangen Einschränkungen aufatmen kann? Seit dem 8. Februar dürfen sich alle Bewohnerinnen und Bewohner des Landkreises Böblingen zweimal wöchentlich kostenlos einem Schnelltest unterziehen. Das breite präventive Testen ermöglicht es, so Landrat Roland Bernhard, Ansteckungsketten nicht nur zu durchbrechen, sondern sie von vornherein zu verhindern. Einer der Macher dieser Strategie, der Böblinger Apotheker Björn Schittenhelm, schilderte im Interview mit der "Welt" seine Vision: Durch breites präventives Testen habe Deutschland eine realistische Chance, sehr bald aus dem ewigen Lockdown herauszukommen. Die Zukunft stellt er sich so vor, dass wir bereits vor Abschluss der Impfkampagne ein Leben weitgehend ohne Einschränkungen leben, indem jeder morgens vor der Arbeit einen Test macht.


"Massenhaftes präventives Testen könnte den Lockdown innerhalb weniger Tage entbehrlich machen"

Apotheker Björn Schittenhelm aus Böblingen im Interview mit der "Welt"


Die Idee scheint sich bis nach Berlin herumgesprochen zu haben: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte gestern an, dass ab dem 1. März jede und jeder in Deutschland Anspruch auf kostenlosen Schnelltest erhält. Zudem sollen im Laufe des Monats März Tests zur Selbstanwendung verfügbar sein. Die Notärztin Lisa Federle, die den viel beachteten "Tübinger Weg" gestaltet hat und seit November mit Spenden finanzierte Tests in Tübingen anbietet, sprach von einer "richtigen und überfälligen" Maßnahme. Bereits im Januar hatte sich Federle für eine massive Ausweitung von Schnelltests ausgesprochen, auch Laientests für daheim. Im Interview mit dem ZDF kritisierte sie am 24.01.2021 die Zurückhaltung der Politik: "Das ist für mich genauso unsinnig, wie wenn ich sagen würde, man nimmt auch kein Kondom, nützt ja eh' nichts, ist nicht 100 Prozent sicher."


"Von Selbsttests abzuraten ist genauso unsinnig wie von Kondomen abzuraten"

Notärztin Lisa Federle aus Tübingen im Interviel mit dem ZDF


Seit Beginn der Testkampagne sind die Neuansteckungen in Böblingen spürbar zurückgegangen. Lag die 7-Tage-Inzidenz zu Beginn des Testangebots noch bei 46, meldet das RKI heute 36 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner. Der benachbarte Landkreis Tübingen, der neben Testangeboten eine breite Offensive zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zum Schutz vulnerabler Gruppen verwirklicht hat, zählte während der gesamten zweiten Welle mit die wenigsten Ansteckungen in Baden-Württemberg. Heute liegt die Inzidenz dort bei 34.





14.02.2021
"Die Straßen sind leer und Du bist es auch"
Kommentar: Singles in der Pandemie
Die "Millionen Lichter", mit denen Christina Stürmer auf die musikalische Art Singles Hoffnung machte, bleiben momentan zu Hause. Das Seminar, der Tanzkurs, die Geburtstagsfeier – alles in unerreichbarer Ferne. Das Studium, an sich ein soziales Paradies zum Kontakte knüpfen, ist durch Distanzlernen und Ausbleiben des Nachtlebens ein blasser Schatten seiner früheren Selbst. Und wer mitten im Berufsleben immer noch oder wieder mal Single ist, kämpft selbst ohne Pandemie gefühlt auf verlorenem Posten. Neue Bekanntschaften entstehen nicht, wenn man pandemiekonform mit seinem Kumpel spazieren geht und nach zwei Stunden wieder allein zu Hause sitzt.


"Neue Bekanntschaften entstehen nicht, wenn man
kurz mit einem Kumpel spazieren geht"


Für Langzeitsingles tickt die Uhr unerbittlich. Ein Jahr lang inzwischen. Dass diese Menschen am ersten Tag nach Aufhebung der Beschränkungen die große Liebe finden, ist eine Illusion. Viele Familien sind zurzeit durch Homeschooling und Homeoffice am Limit. Andere wiederum sehnen sich danach, überhaupt eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Urlaub ist ein Luxus, auf den man in Krisenzeiten jahrelang verzichten kann. Die Familiengründung nicht.


"Familiengründung ist kein Luxus, auf den man jahrelang verzichten kann"


Im Schatten der Diskussion um Familien und Friseure ist unter den Singles längst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden. Die Regelbrecher machen weiterhin neue Bekanntschaften. Und ja: Auch in diesen Zeiten haben sie etwas Spaß. Die Guten, Braven bleiben einsam und bedrückt. Diese Wucht trifft sie doppelt, da sich die Vernünftigen noch mehr einschränken als ihnen die Verordnungen vorschreiben. Diese ungeschminkte Wahrheit soll keinesfalls auffordern, zu den Regelbrechern zu gehören. Sie sollte eher nachdenklich stimmen als Plädoyer für verantwortungsvolle Lockerungen. Weil dann die vernünftigen Alleinstehenden auch eine Chance bekommen.


"Lockerungen sind wichtig, damit auch vorbildliche
Menschen eine Chance bekommen"


In einer Umfrage des Online-Portals Statista gaben zwei Prozent an, dass sie sich zwischen Lockdown-Beginn und Mai 2020 bei der Dating-Plattform Tinder angemeldet haben. Tinder selbst verzeichnete Medienberichten zufolge Ende März 2020 einen Rekord bei der Nutzung der "Wisch"-Funktion und deutliche Zuwächse bei den Unterhaltungen zwischen den Nutzern und bei der Dauer der Gespräche. Ob das mehr glückliche Pärchen im realen Leben erschuf, bleibt in den Sternen.

Auf Facebook kursiert ein satirisches Video, bei dem Singles je einen Kaktus umarmen. Zum Ende hin wird in Aussicht gestellt, dass sich die Situation bei großer Impfbereitschaft unter jungen Menschen bessern wird. Nutzer Benjamin Dimanski kommentiert humorvoll: "Mittlerweile decke ich den Tisch für meinen imaginären Besuch. Man muss sich ja irgendwie ablenken." Björn Oppmann hingegen findet das Video gar nicht lustig. Angesichts der Versäumnisse in der Impfkampagne sei es daneben, sich über Menschen lustig zu machen, die seit Monaten nur noch arbeiten und schlafen dürfen.


"Wer von der gesamten Bevölkerung Solidarität und Verzicht fordert, muss im Gegenzug Verständnis und Empathie liefern. Und lockern, so bald wie es möglich ist"


Ob mit oder ohne Impfung: Das einzige, was Singles eine Perspektive bietet, sind menschliche Begegnungen. Am besten unbeschwert und in großer Runde. So, dass beim Picknick jede und jeder 2-3 weitere Kumpels mitbringt, ohne Hausstände zu zählen. Und ohne dass Politiker am nächsten Tag damit drohen, solche Picknicks zu verbieten. Wir träumen von einem Zustand, der jahrzehntelang selbstverständlich war. Wer in einer Notsituation von allen Bevölkerungsgruppen zu Recht über Monate Verzicht und Solidarität fordert, der hat eine moralische Verpflichtung. Gegenüber Familien und Singles, gegenüber Älteren und Jüngeren. Diese Verpflichtung nennt sich Verständnis. Idealerweise gepaart von Empathie. Und, kommen wir auf den Punkt, es ist die rechtliche und ethische Verpflichtung, Einschränkungen zu lockern, sobald mildere Mittel genügen.





31.01.2021
Kommentar: Der Weitblick der positiven Motivation
Schleswig-Holstein wagt einen "weiten Ausblick". Dabei meint Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) nicht den Blick aufs Meer. Eine neue Perspektive motiviert die Menschen, weiterhin die Zähne zusammenbeißen, auf vieles zu verzichten und die Regeln einzuhalten. Es ist eine feine und dennoch großartige Nuance in der Kommunikation zwischen Staat und Bürger: positive Motivation statt Mahnungen und Drohgebärden. Der "weite Ausblick" ist pure Weitsicht.


"Positive Perspektiven stärken die Ausdauer. Sie sind pure Weitsicht!
Hoffnung rettet mehr Menschenleben als Angst."


Veselin Kolev, freier Journalist und Fotograf


Jeder von uns hat längst gespürt, dass die Pandemie kein Sprint sondern ein Marathon ist. Ende Oktober kündigten Merkel, Müller und Söder den "Lockdown light" als "Vier-Wochen-Therapie" für Deutschland an. Inzwischen sind dreizehn Wochen vergangen – und mehrmals verschärft wurde auch noch.

Der Marathonlauf verlangt Ausdauer. Schleswig-Holstein fördert sie. Vergangenen Dienstag stellte die Landesregierung einen "Perspektivplan" für die kommenden Wochen und Monate vor. Die Tabelle fasst zusammen, ab welchen Inzidenzwerten welche Bereiche geöffnet werden können. Günther ist zuversichtlich, dass ganz Deutschland Teile dieses Plans künftig übernimmt.

Ziel sind laut Landesregierung keinesfalls voreilige Lockerungen, sondern Hoffnung und Orientierung für Wirtschaftszweige und für die Bürgerinnen und Bürger zu bieten. Oppositionsführer Ralf Stegner (SPD) begrüßte den Plan. Er erinnerte daran, dass sich die Regierung für Lockerungen nicht erklären muss. Andersherum: sie braucht plausible Begründungen für Einschränkungen.


"Es braucht keine Erklärungen für Lockerungen, sondern vielmehr
plausible Begründungen für Einschränkungen"


Ralf Stegner, Fraktionsvorsitzender der SPD Schleswig-Holstein


Dabei werden wir an den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz erinnert: In einem Rechtsstaat wie Deutschland darf keine Maßnahme, die in Grundrechte eingreift, über das Ziel hinausschießen. Ändert sich das Infektionsgeschehen zum Besseren hin, müssen die Maßnahmen rechtzeitig gelockert werden – sonst droht ihnen die Rechtswidrigkeit.

Nicht zuletzt: Entscheidend für den Erfolg ist die Kommunikation. Tag für Tag mahnende Politiker, die mit noch mehr Grundrechtseinschränkungen drohen, ähneln Eltern, die das Beste für ihr Kind möchten und genau das Gegenteil bewirken. Muss man es in dieser ohnehin bedrückenden Zeit den Menschen unnötig schwer machen, durchzuhalten? Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer setzte hierzu ein Zeichen. Der Anblick von Familien, die unter Einhaltung der Regeln auf einem verschneiten Hügel rodeln, erfreue ihn ausdrücklich. Solch kleine Freuden helfen den Menschen, den Lockdown durchzuhalten und bergen bei vernünftigem Verhalten kein Infektionsrisiko. Respekt! Der Weitblick gelingt auch zwischen den Höhen der Schwäbischen Alb.


"Um eine derart dunkle Zeit zu überstehen, sollte die Politik den
Menschen diese kleinen Freuden lassen"


Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer auf Facebook, 6.01.2021






29.01.2021
Kommentar: Lebensfreude statt Konsumwahn – ein gesunder Neuanfang
Können wir noch mit den Achseln zucken, wenn eine Krankenschwester einen Bruchteil verdient von dem, was ein Fußballmanager hat? Dies fragte ich im Sommer 2019 Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel per Brief. Was wenige Monate später geschah, wissen wir. In demselben Brief beklagte ich, dass mit günstigen Flugtickets Menschen gelockt werden, für ein Wochenende nach Mallorca zu fliegen. Zugleich kostet eine Urlaubsfahrt vom Ruhrgebiet auf die Insel Rügen mit der umweltfreundlichen Bahn schier ein Vermögen.

Die verrosteten Überbleibsel der Industrialisierung mahnen uns. Mehr Wachstum, mehr Wohlstand – bis ins Unendliche, dachte man im 19. Jahrhundert. So manch Finanzmakler träumt heute noch von immer mehr, immer schneller, immer steiler. Aber es ist Gewissheit: Wachstum hat Grenzen. Weite Teile der Menschheit haben über ihre Verhältnisse gelebt. Seien wir ehrlich: Sie und ich auch.

Für die Virus-Toten im Winter zünden wir eine Kerze an. Doch während der Klimawandel mit sommerlichen Hitzewellen ebenso Opfer fordert, sitzen wir am Badesee. Ganz nebenbei, im Schatten der Pandemie, war 2020 das wärmste in Europa seit Beginn der Wettermessungen. Dass die Dekade 2011 – 2020 ebenso die bisher wärmste war, verwundert nicht. An Supersommer und schneearme Winter haben wir uns längst gewöhnt. Noch freuen wir uns über immer mehr Tage mit Badewetter. Bald reden wir jedoch von Wasserknappheit und Hitzetoten. Welcher Politiker wird dann den Mut haben, die Menschen aufzufordern, diese Kurve zu abzuflachen?


"Deutschland bietet immer mehr wunderschöne Tage mit Badewetter.
Doch das ist kein Grund zur Freude"


Veselin Kolev, freier Journalist und Fotograf


Hinzu kommt die Sache mit den Ressourcen. Machen wir uns nichts vor: Jedes neue Handy, jedes Kleidungsstück, jede plastikverpackte Bio-Tomate und auch jede Suchanfrage im Internet verbraucht Materialen, die uns die Erde nur in einer begrenzten Menge bietet. Wir sind nicht mehr weit von dem Punkt, an dem die Industrie beginnen wird, Ressourcen zu schonen und nach Alternativen zu suchen. Nicht aus Nächstenliebe und Bewusstsein, sondern aus purer wirtschaftlicher Not.

Laut einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen im Juli 2020 stammen etwa 60 Prozent der menschlichen Krankheiten aus dem Tierreich. Oft gelangen die Erreger erst durch die Nutztierhaltung zum Menschen (z.B. Rinderwahn, Vogelgrippe, Schweinegrippe) oder die Übertragung erfolgt beim Wildtierhandel (SARS-CoV-2). So spricht der UN-Bericht eine klare Botschaft: Wer menschliche Krankheiten verhindern will, sollte natürliche Ökosysteme erhalten und auf Massentierhaltung verzichten.

Für mich steht fest: ich möchte nicht zurück zur kranken Normalität. Viele von uns haben in den letzten Monaten erkannt, was man für ein erfüllendes Leben wirklich braucht. Gewisser materieller Wohlstand ist wichtig, doch Überfluss macht nicht glücklich. Eher im Gegenteil. Lebensfreude lässt sich nicht herstellen oder kaufen.

Die Zeit ist reif für das, was wirklich zählt.


"Im Krieg hatten wir einander, sonst nichts.
Heute haben wir alles, nur nicht einander."


Kabarettistin Lisa Eckhart am 26.11.2020 in der Sendung "Nuhr im Ersten"






19.01.2021
Busse und Bahnen fahren weiter
Eine Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) wurde auf der heutigen Videoschalte von Bundekanzlerin Dr. Angela Merkel mit den Ministerpräsident*innen der Bundesländer nicht beschlossen. Stattdessen soll die Ansteckungsgefahr im Berufsverkehr durch die Pflicht zum Tragen medizinischer Masken und durch verstärktes Homeoffice weiter reduziert werden.

Zuvor appellierte Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), an die Politiker, den Bus- und Bahnverkehr als Teil der Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten: "Wir müssen sicherstellen, dass jeder, der den ÖPNV nutzen muss, ihn auch nutzen kann!" Der Fahrgastverband PRO BAHN kritisierte darüber hinaus die Aufforderung des Freistaats Sachsen an ältere Menschen, öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Eine zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung sei zu befürchten.


"Die Panikmache gegen Bus und Bahn ist unverantwortlich!"

Fahrgastverband PRO BAHN, Landesverband Mitteldeutschland, 14.01.2021


Recherchen von Spiegel Online ergaben, dass insbesondere einkommensschwache Menschen auf Busse und Bahnen für den Weg zur Arbeit angewiesen sind. Wer es sich leisten, sei schon längst mit dem Auto unterwegs.

Der Fernverkehr (ICE/IC) ist derzeit laut Angaben der Deutschen Bahn mit 15 bis 20 Prozent sehr schwach ausgelastet. Er wird insbesondere von Geschäftsreisenden weiter genutzt. Häufig finden sich zudem Soldat*innen und Polizist*innen an Bord der Fernreisezüge. Mitarbeiter im Eisenbahnbereich sind auf die Fernzüge ebenfalls angewiesen – beispielsweise Lokomotivführer im Güterverkehr, die von einer Schicht nach Hause fahren.






16.01.2021
Kommentar: Tübingen ist da, wo Deutschland hin will
Gar nicht so lange her hat die ganze Welt Deutschland als Musterschüler beim Umgang mit der Pandemie hochgepriesen. Nun trauern wir um Zehntausende Menschen. Die bisherigen Daten des Statistischen Bundesamts sprechen für sich: die zweite Welle trieb die Übersterblichkeit nach oben.* Wie konnte es passieren, dass Deutschland die USA überholte in der Covid-Sterblichkeit? Jenes Land, wo die chaotisch-laxe Pandemie-Politik des Präsidenten Trump immer wieder in Verruf geriet?

Die allermeisten Politiker und Wissenschaftler behaupten, die Antwort zu kennen: Der bisherige Lockdown sei nicht streng genug. Doch nun widerspricht ein neunköpfiges Expertenteam um den Medizinprofessor Matthias Schrappe. Ausgerechnet beim Schutz der Schwächsten verfehlte der Lockdown seine Wirkung – stellt das Thesenpapier fest.

Meldedaten pro 100.000 Personen in der jeweiligen Altersgruppe.
Quelle: Schrappe et al., Thesenpapier 7 vom 10.01.2021 "Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19"

Die Grafik offenbart: Durch Kontaktbeschränkungen und Stopp von Freizeitaktivitäten konnte die Infektionskurve in allen Altersklassen abgeflacht und zwischenzeitlich gesenkt werden, nur nicht bei den Menschen über 85. Ausgerechnet die Menschen, die wir am dringendsten schützen wollen und müssen! Die neun Experten sprechen von einer "paradoxen Situation": Es erkranken immer mehr ältere Menschen, gleichzeitig sind sie diejenigen, die von der Lockdown-Politik am wenigsten geschützt sind. Der Alltag eines Pflegeheim-Bewohners ändert sich nicht wesentlich durch Geschäftsschließungen und Ausgangsbeschränkungen. Das einzige, was hilft, ist zu verhindern, dass das Virus in das Pflegeheim gelangt.


"Die Lockdown-Politik ist gerade für die vulnerablen Gruppen wirkungslos"

Thesenpapier einer neunköpfigen Expertengrupe um Prof. Dr. Matthias Schrappe herum vom 10.01.2021


Dass Covid-19 "eine Erkrankung der Älteren" ist (Originalton aus dem Papier), wissen wir seit Monaten. Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, ist für Menschen über 70 etwa 100 Mal höher als für Menschen unter 50.** Diese rein mathematische Erkenntnis bewegte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zusammen mit der Notärztin Dr. Lisa Federle dazu, ein breites Paket an gezielten Schutzmaßnahmen für die Gefährdeten zu verwirklichen. Für insgesamt 50 Milliarden Euro wurden unter anderem FFP2-Masken kostenlos verteilt, Taxifahrten zum Preis eines Bustickets angeboten, separate Einkaufszeitfenster geschaffen und engmaschige Corona-Tests an Pflegeheimen ermöglicht. Das Testmobil oder die Teststation am Rathausplatz ermöglichten vielen Menschen ein Weihnachtsfest so gut wie ohne Risiko und ohne Sorgen.

Das Konzept zeigt deutliche Erfolge: Der bislang einzige große Ausbruch in einem Tübinger Pflegeheim in der zweiten Welle sei darauf zurückzuführen, dass das Pflegeheim die von der Stadt Tübingen angebotenen Tests nicht in Anspruch nahm, berichtete Federle in der ZDF-Sendung "Maybritt Illner" am 18.12.2020. Zeitgleich schilderte Palmer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), dass die Schnelltest einige Ausbrüche in Pflegeheimen in letzter Sekunde verhinderten und andere Ausbrüche zumindest früh erkannt wurden, wodurch weniger Menschen erkrankten.


"Es war von Gesundheitsexperten grob fahrlässig zu behaupten, man könne die Alten
ohnehin nicht schützen, und dann das Thema zu den Akten zu legen"


Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, im Interview mit dem RND
Inzwischen wurden Teile des Tübinger Konzepts zum besonderen Schutz in ganz Baden-Württemberg und anderen Bundesländern praktiziert – besser spät als nie. Palmer, in vielen Talkshows präsent, geht argumentativ einen Schritt weiter. Mit konsequenter Umsetzung solcher Schutzmaßnahmen können die extremen Auswirkungen eines langen Lockdowns verhindert werden. "Die Eigenschaft des Virus, die Jungen weitgehend zu verschonen, müssen wir zu unserem Vorteil nutzen", sagte der OB dem Schwäbischen Tagblatt. Mit wirksamem Schutz der Älteren können Kitas und Schulen offen bleiben.

Anders als in der ersten Welle hat die Diskussion um Palmer, unter anderem mit Beteiligung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, deutlich an Sachlichkeit und Differenziertheit gewonnen. Inzwischen ist uns allen klar, dass es nicht darum geht, ältere Menschen zu isolieren während das Virus durch die restliche Bevölkerung durchmarschiert. Doch seien wir ehrlich – alles, was uns hilft, Leben und Gesundheit zu schützen, ist willkommen. Alles, was uns hilft, einen Lockdown zu verkürzen, die Kollateralschäden und Zumutungen zu mildern, ist ebenso willkommen. Ich habe Hoffnung, dass eines Tages ganz Deutschland Tübingen ist.

Die Wirkung des Lockdowns kann einerseits gewürdigt werden. Andererseits darf sie kritisch hinterfragt werden – das ist gelebte Wissenschaft und gelebte Demokratie! Tübingen zeigt uns einen wirksamen Weg, wie wir aus der endlosen Spirale an immer härteren Maßnahmen mit hohen gesellschaftlichen Kosten herauskommen können. Wie wir Leben und Gesundheit wirksam schützen können.


* https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html
** https://www.spektrum.de/news/covid-sterberate-aeltere-maenner-sind-besonders-gefaehrdet/1765438





7.01.2021
Entspannte Situation am Hohen Peißenberg
Etwa zwei Dutzend Familien sind heute zum Hohen Peißenberg gekommen. Sie verteilen sich auf mehrere Schneehänge. Die jauchzenden Kinder auf ihren Schlitten sind von weitem zu hören. Verstöße gegen die Infektionsschutzauflagen sind hingegen nicht erkennbar. Die allermeisten Autos tragen Kennzeichen des hiesigen Landkreises Weilheim-Schongau. Vereinzelt sind Fahrzeuge aus Augsburg und München zu sehen.

Die von der Ministerpräsidentenkonferenz kürzlich beschlossene strenge Mobilitätseinschränkung von Menschen in Hot-Spots ab einem Wert von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in 7 Tagen wurde insbesondere durch überlaufene Ski- und Rodelhänge begründet. Etwa im Sauerland oder im Taunus war der Andrang über den Jahreswechsel besonders groß. Anders als in Oberbayern hatte sich dort keine flächendeckende Schneedecke gebildet, sodass sich die Menschen in den wenigen verschneiten Regionen drängten.

Winterliche Lebensfreude und Wintersport leiden zunehmend unter dem Klimawandel. Die deutschen Mittelgebirge sowie der Norden sind immer seltener verschneit. Auch die sonst schneesichere Alpenregion beklagt seit Jahren zunehmenden Schneemangel. Umso größer die Freude, wenn man den Schlitten mal wieder auspacken kann.






2.01.2021
Wandern bleibt erlaubt – mit Rücksicht und Vernunft
Am Dienstag stellte der Bayerische Innenminister, Joachim Herrmann, klar: Wandern ist weiterhin erlaubt. Der Staatsminister verwies auf die Bayerische Verfassung, die freien Genuss der Natur gewährt. Zuvor hatte der Miesbacher Landrat, Olaf von Löwis, über stark erhöhten Ausflugsverkehr geklagt. Er forderte die Staatsregierung auf, ihn mit einer Verschärfung der Regeln zu unterbinden. Innenminister Herrmann entgegnete, die Polizei habe in den vergangenen Tagen weder drastische Corona-Verstöße noch einen Andrang, der über den üblichen Ausflugsverkehr hinaus geht, festgestellt.


"Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur
(…) ist jedermann gestattet."


Artikel 141, Absatz 3, Satz 1 der Bayerischen Verfassung


Die Elfte Bayerische Infektionsschutzverordnung schreibt für sportliche Aktivitäten im Freien keine Entfernungsbegrenzung vor. So sind selbst Ski- oder Rodeltouren trotz geschlossener Liftanlagen erlaubt. Anders im Freistaat Sachsen: Spazieren, Sport treiben und Lebensmittel einkaufen dürfen die Menschen dort nur im Umkreis von 15 Kilometern um den Wohnort herum.

Herrmann bekräftige erneut den Appell der Staatsregierung, bei Ausflügen auf Abstände zu achten und Gruppenbildungen zu unterlassen. Landtagspräsidentin Ilse Aigner forderte insbesondere die Münchnerinnen und Münchner auf, in der näheren Umgebung zu spazieren anstatt in den Bergen.

Am Alpenrand sind manche Ausflugsziele zu jeder Jahreszeit überlaufen. Im Corona-Jahr 2020 schaffte es die Problematik häufig in die Tagesberichterstattung. Wer gesunden Menschenverstand mitbringt, erkundet lieber die Geheimtipps und wandert dort mehr oder weniger allein. Bayern hat mehr Naturschönheiten zu bieten als Schliersee und Walchensee.





13.12.2020
Humorvoller Kommentar: Essensvorräte
Und, habt ihr schon eure Essensvorräte für den Winter? :)





6.12.2020
Kommentar: Suchen wir nach Lösungen, nicht nach Schuldigen
Spätsommer 2020. Besorgte Politiker mahnen abermals. Journalisten seriöser Medien erheben in ihren Kolumnen vorwurfsvoll sämtliche Zeigefinger. RND, Zeit Online und viele mehr verurteilen weite Teile der Bevölkerung für eine Nachlässigkeit oder übertriebene Sorglosigkeit. Spitzenpolitiker und Wissenschaftler nährten vor allem in den ersten Monaten der Pandemie immer wieder den Generalverdacht gegen junge Menschen. Es tut weh zu lesen, ich habe es "zu sehr krachen lassen"*, obwohl ich im Sommer lediglich wandern war und 2-3 Freunde getroffen habe.

Es ist dringend Zeit für einen Weckruf. Und für Fakten. Wir suchen nach Schuldigen, die womöglich gar keine sind. Bei den vermehrten Virus-Einschleppungen aus dem Ausland zwischen Mitte Juli und Mitte August dominieren laut Robert-Koch-Institut (RKI) nicht die klassischen Urlaubsländer wie Italien oder Spanien. Der Mythos vom Corona-Hotspot am Ballermann kann dadurch relativiert werden – auch weil die Behörden dort rechtzeitig eingegriffen haben.


"Ein guter Mensch sucht nach Lösungen, nicht nach Schuldigen.
Damit sind die Erfolgschancen höher für uns alle"


Veselin Kolev, freier Journalist und Fotograf


Der Schwerpunkt positiv getesteter Reiserückkehrer lag eindeutig auf dem Balkan – Kosovo, Nordmazedonien, Türkei, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Bulgarien, Rumänien usw. Es sind größtenteils Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten, und voller Vorfreude einmal im Jahr ihre Verwandte und Freunde auf dem Balkan besuchen. Was ist daran verwerflich?

Bei den Ausbrüchen innerhalb von Deutschland hören wir: hier ein Familienessen, dort ein Gottesdienst. Alles im Rahmen der damals geltenden Regeln. Was ist daran verwerflich? Das RKI untersuchte die Ansteckungswege bei 55000 Infizierten***. Mehr als die Hälfte der Virusübertragungen passierten im häuslichen Umfeld. Besonders groß sind die Ausbrüche in Pflege- und Asylantenheimen, da dort mehr Menschen enger zusammenwohnen. Familie bzw. Mitbewohner zu haben scheint Risiko Nummer eins zu sein. Nicht das Hotel, nicht die Bahn, nicht der angeblich permanent überfüllte Strand an der Ostsee.

Die Spitze des Eisbergs war die so genannte Superspreaderin in Garmisch-Partenkirchen. Die Schuldzuweisungen und Forderungen harter Strafen kamen von höchster politischer Ebene. Der Faktenfinder der ARD kam nach gründlichen Recherchen zu dem Ergebnis, dass die Frau gar keine Superspreaderin war.****


"Auch beim Ausbruch in Hochhäusern in Göttingen kamen die Schuldzuweisungen
voreilig, die Belege dafür blieben dünn"


Andrej Reisin, NDR, und Patrick Gensing, tagesschau.de, am 17.09.2020


Wir müssen weg von der Vorwurfs- hin zu einer Lösungskultur kommen. Im Fußball kämpft man als Mannschaft. Der Patzer eines einzelnen Spielers kann uns ein Gegentor einbrocken. So liegt die gesamte Mannschaft hinten. Die Frage ist, was wir jetzt machen. Ärgern wir uns, schimpfen wir den Sündenbock zusammen? So schwächen wir uns noch mehr selbst. Oder mobilisieren wir unsere Kräfte, sprechen uns gegenseitig Mut zu, bauen den Mann auf, der den Fehler machte? So nutzen noch die Chance, in den verbleibenden Minuten das Spiel zu drehen.

Gerade jetzt brauchen wir Zusammenhalt statt Vorwürfe. Wir brauchen Politiker, die versöhnen anstatt zu spalten. Wir brauchen Menschen, die nach Lösungen suchen anstatt nach Schuldigen.



* Zeit Online, 18.08.2020 „Ist die Party vorbei?“
**Situationsbericht des RKI vom 18.08.2020
***https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/38_20.pdf?__blob=publicationFile
****https://www.tagesschau.de/faktenfinder/superspreaderin-garmisch-corona-101.html





4.12.2020
Kommentar zur Wiedereröffnung der DB Lounges
Mit lauten Protesten erreicht man nichts. Mit vernünftigen Argumenten sehr viel! Ich habe die Deutsche Bahn gebeten, die Lounges zu öffnen - als Räume zum Arbeiten, erst mal ohne Getränke. Danke! Dieser Teilerfolg gehört uns allen!





29.11.2020
Humorvoller Kommentar: Reden wir zu viel über das Skifahren?
Wir reden viel über das Skifahren und wenig über die Dinge im Leben, die wirklich wichtig sind. Das Thema Bergwandern kommt viel zu... Kurz! :)





13.11.2020
Humorvoller Kommentar: Wellenbrecher
Der Wellenbrecher wirkt. Jeder von uns hat da einen wertvollen Beitrag geleistet. Darf ich jetzt bitte meine Füße aufwärmen? :) Ich brauche keine fünf Sterne. Nur einen beheizten Raum. Gern auch ein warmes Getränk.





17.10.2020
Die ganz stille Welle – und wie wir sie meistern
Denise aus Würzburg erzählt eine berührende Geschichte. Ihre bis dahin rüstige Oma stürzte am Muttertag 2020. Sie kam zunächst ins Krankenhaus. Seither verschlechtert sich ihr Zustand. Der coronabedingte Ausfall der Reha hatte sicher Anteil daran. Jetzt sitzt die 86-jährige in einem Pflegeheim. "Man darf sich nur noch durch die Plexiglasscheibe sehen. Im Sommer konnte man zumindest raus, um ein wenig Nähe zu schaffen", berichtet Denise. Es gelten strenge Einschränkungen: maximal eine Stunde, kein Betreten des Zimmers. So frieren die Dame und ihre Besucher auf dem Balkon. Sie hat unzählige Angehörige, sogar sieben Urenkel. Doch beim Besuch im Pflegeheim darf Denise ihre Tochter nicht mitnehmen. Der Gedanke, dass ihre Oma den restlichen Lebensweg größtenteils allein bestreiten muss, ruft bei Denise tiefe Trauer hervor.


"Sie hat so viele Enkel und Urenkel – doch kaum jemand darf sie besuchen"

Denise aus Würzburg über die Situation ihrer Oma im Pflegeheim


Auch im Alltag spürt Denise eine zunehmend geladene Stimmung in der Bevölkerung – die aufs Gemüt drückt. Sie entlädt sich beispielsweise, wenn jemand im Bus vergisst, die Maske aufzuziehen. Wenn selbst gesunde Menschen gereizt sind und schlechter schlafen, wie steht um diejenigen mit vulnerabler Psyche?

Bereits im August 2020 meldete der Deutsche Psychotherapeutenverband eine Zunahme von Patienten mit Ängsten und Depressionen. Im Oktober veröffentlichte der Axa-Konzern die Ergebnisse einer Untersuchung: Ein Drittel der Deutschen hat eine Verschlechterung der psychischen Verfassung während der Coronakrise erlebt. Am meisten betroffen sind Menschen, die bereits vor der Krise psychisch labil waren. Von ihnen beklagten 45 Prozent das Gefühl, während der Pandemie die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben.

Prof. Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, mahnte im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung": Einsamkeit ist ein gesundheitlicher Risikofaktor. Das Ausmaß sei vergleichbar mit Fettleibigkeit, Rauchen und Bluthochdruck.

"Soziale Isolation kostet uns Lebensjahre"

Prof. Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin


Für den weiteren Verlauf von Herbst und Winter erwarten Wissenschaftler eine Zuspitzung der Situation. Die Gründe für seelische Schwierigkeiten in der Pandemie sind vielfältig und gehen weit über das Thema "Virus" hinaus. Unter anderem sind es: Angst um die eigene Gesundheit und die der Nächsten, Einsamkeit, Existenzängste, Sorge um Verschlechterung der Situation angesichts von Menschen, die Regeln nicht beachten, Angst vor Freiheitsbeschränkungen, vermehrte Spannungen in der Familie oder unter Freunden, Perspektivlosigkeit (z.B. Künstler), Spaltung und Unruhe in der Gesellschaft, eingeschränkte Gesunderhaltung (Freizeitaktivitäten, Erholungsurlaub).

Wenngleich manches objektiv schwerer wiegt: Alle psychischen Leiden sollten wir gleichermaßen ernst nehmen.


Wie können wir wirksamen Infektionsschutz leisten und gleichzeitig
seelische Wunden lindern oder gar heilen?


Die ersten Schritte sind Verständnis und Solidarität – für körperliche und seelische Leiden gleichermaßen. Eine gesellschaftliche Debatte darüber kann versöhnlich und dennoch offen geführt werden. Wir können als Gesellschaft dann bewusst entscheiden: Trotz akuter Infenktionsgefahr ist es uns beispielsweise wichtig, dass sich Menschen von sterbenden Angehörigen anständig verabschieden können.

Politische Maßnahmen können psychische Belange berücksichtigen. Hier wurden mit den Lockerungen im April 2020 spürbare Verbesserungen erzielt. Große Grillfeier: Nein. Beste Freundin/besten Freund treffen: Ja. Festival: Nein. Spaziergang am Strand oder in den Bergen: Ja.

Der wissenschaftliche Fortschritt kommt uns entgegen und möchte intelligent eingesetzt werden. Anstatt Testkapazitäten für Urlauber zu verwenden, könnten sie in Pflegeheimen mehr Besuche ermöglichen. Auf Pressekonferenzen darf es trotz ernster Lage auch etwas Zuversicht sein. Manchmal reicht es, die Sprache umzukehren. Anstatt zu warnen, wie schlimm das Weihnachtsfest wird, wenn wir jetzt Hygieneregeln vernachlässigen, kann man betonen, wie fröhlich das Weihnachtsfest wird, wenn wir jetzt alle aufeinander Acht geben.






19.09.2020
Kommentar: Nur Mut!
Komm schon, Miezi :) Du kannst dein Versteck verlassen. Da draußen ist es so schön! Und wenn du dich vernünftig und rücksichtsvoll bewegst, ist es draußen sehr sicher. Wartest du bis die Herren im Fernsehen Zuversicht und leichte Entwarnung verkünden? Tja, dann wartest du ein Leben lang…





16.09.2020
Kommentar: Rot = 2020
Gewöhnen wir uns irgendwann an die roten Aufkleber? Eine Pandemie, die damit verbundenen Gefahren und Schutzmaßnahmen sind, zumindest in Europa, immer noch eine absolute Ausnahmesituation. So erscheinen die roten Aufkleber in Momenten des Innehaltens als Fremdkörper, die zur gegebenen Zeit entfernt und entsorgt gehören. Meinetwegen gern im Frühling 2021. Dieses Bild soll daran erinnern, dass da noch etwas ist; dass sich sicherlich viele Bahnfahrer zu einer passenden Zeit ein Reisen ohne Einschränkungen und ohne Komforteinbuße wünschen. Ein Reisen wie es vor nicht allzu langer Zeit einmal war.





20.08.2020
Humorvoller Kommentar: Schwarze Schafe
Was habt ihr gegen schwarze Schafe? Sie sind auch nur Menschen. :)





16.08.2020
Kommentar: Die Küste und die Wellen
Ich habe es gesehen! Die zweite Welle hat auch ein Ufer gefunden. Die dritte ebenso. Die vierte, fünfte… Hier haben schon Millionen Wellen gewütet. Es ist nicht ohne! Die Küste hatte zu kämpfen und Teile der Küste sind abgebrochen. Wir trauern um jedes Sandkörnchen. Für die verbliebenen Sandkörnchen besteht genauso gewisse Gefahr. Trotzdem, all das gehört zum Leben ganz klar dazu. Nur, wisst ihr was? Die Küste steht noch! Das ist Fakt. Und wenn du Mensch bist, darfst du seriöse Meldungen von Hoffnung und Zuversicht nicht länger abstreiten.





9.08.2020
Die Kraft von Worten und Fotos
Journalisten und Fotografen leisten während der Pandemie wertvolle Arbeit für uns alle. Vertreter der seriösen Medien berichten sorgfältig und gewissenhaft. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Nuancen – bei jedem Wort und bei jedem Foto!

Fakten sind Fakten. Doch die Wahl von Perspektive und Worten kann eine Aussage verstärken. Sie kann Gefühle entstehen lassen oder verstärken. Beide obigen Bilder zeigen eine und dieselbe Szene aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Keines ist manipuliert, beide sind wahrheitsgetreu. Das eine Bild suggeriert einen überfüllten Strand mit vielen sorglosen Menschen. Das andere macht den Eindruck von kleinen Gruppen normaler vernünftiger Menschen, die Abstände einhalten während sie ihre Freunde treffen. Das linke Bild macht uns Sorgen, das rechte beruhigt uns.

Ähnlich verhält es sich mit der Wahl von Worten, wie das folgende Beispiel zeigt:


"Aufgrund der Corona-Pandemie fällt das Sommerfest 2020 aus"

"Aufgrund des grassierenden Coronavirus fällt das Sommerfest 2020 aus"


Beide Sätze sind inhaltlich korrekt. Doch ein einziges Wort, "grassieren", weckt bereits Vorstellungen und Emotionen in uns. Denken wir daran: Jede Nachrichtenmeldung, jedes Interview, jeder Bericht kann aus Hunderten von Worten bestehen – und jedes Wort kann kraftvoll sein.

Während der Pandemie gehören auch Grafiken zum alltäglichen Medienkonsum. Beide unteren Grafiken zeigen dieselbe Situation zum selben Stichtag. Der gut informierte Leser erkennt sofort die kumulierten Fälle links und die täglichen Neuinfektionen rechts. Ein Laie hingegen sieht links eine Kurve, die immer wächst: mal schneller, mal langsamer. Rechts hingegen ein Verlauf, der mal wächst und mal fällt.
Die Welt um uns herum ist weder schwarz noch weiß. Selbst die Fakten, die Wirklichkeit unseres Lebens, hat mehrere Facetten. Trotz sorgfältig aufbereiteter Informationen lohnt es sich für jeden Leser, auf Wortwahl, Perspektive und Betonung zu achten.





3.07.2020
Zuerst der Gesundheitsschutz. Doch was kommt dann?
Gute Fotografen achten nicht nur auf das Hauptmotiv. Vorder- und Hintergrund können die Bildaussage deutlich verstärken! Denselben Weitblick brauchen wir, wenn wir die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise würdigen.

So sehen wir im Vordergrund den Elbstrand. Er steht für Naherholung, Sport, soziale Kontakte - ein Symbol Hamburger Lebensfreude. Im Hintergrund ist der Hamburger Hafen. Der internationale Handel ist ein Motor der Wirtschaftstätigkeit in Deutschland. Die Frage der Fragen: Welches Bildelement ist uns am wichtigsten?

Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle – hierüber herrscht 2020 ein breiter Konsens innerhalb der Gesellschaft. Doch was kommt als zweites? Den Hamburger Hafen zeigen die Medien vermehrt als Sinnbild der zurzeit schwächelnden deutschen Wirtschaft. Sie ist neben der medizinischen Komponente das bestimmende Thema öffentlicher Diskussionen. In einem Strategiepapier äußert der Wirtschaftsrat Deutschland Ende April 2020 Sorgen, dass der Lockdown eine massive Insolvenzwelle und den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen zur Folge hätte. Das Ergebnis wäre ein "erheblicher Wohlstandsverlust für die allermeisten Bundesbürger".

Ist also die Wirtschaft am wichtigsten? Immerhin hängen die Existenz und der Wohlstand jedes Einzelnen von einer intakten Volkswirtschaft ab. Ein Gleichgewicht in diesem System ist entscheidend für unser Leben. Die Finanzkrise 2007 zeigte, dass selbst abstrakte, monetäre Turbulenzen ganz schnell die realen Güter – und damit unser reales Leben – beeinflussen können.

Doch messen wir alles mit Zahlen? Wie ist es mit dem menschlichen Bedürfnis nach sozialen Kontakten? Gesundheitsfördernde Aktivitäten wie Sport? Wie vergleichen wir monetäre Werte mit kulturellen Werten? Wohlstand ist vielleicht messbar, doch wie misst man Lebensfreude?


"Wohlstand kann man vielleicht beziffern. Doch wie misst man Lebensfreude?"

...fragt der Autor


Es gibt Perspektiven und Erkenntnisse, die andere Aspekte mindestens gleichrangig mit der Ökonomie einstufen. Ein Lehramtsstudent empfindet den verstärkten Fokus auf die Wirtschaft als grenzwertig und einseitig. Vielmehr sollen elementare menschliche Bedürfnis im Mittelpunkt stehen, beispielsweise Nähe zu Mitmenschen und Austausch. Das Recht auf Bildung ist seiner Meinung nach essenziell. Er sieht die Gefahr, dass Homeschooling und das Losreißen von den Schulkammeraden Ungleichheiten zwischen den Schülern noch verstärken – vor allem zu Lasten von Kindern, die ohnehin benachteiligt sind. Diese stammen in der Regel nicht aus wohlhabenden Verhältnissen und/oder erleben vermehrt Spannungen in der Familie.

Ein ganzheitlicher Therapeut warnt vor den langfristigen gesundheitlichen Folgen für junge Menschen. Seine langjährige Erfahrung zeige, dass traumatische Erlebnisse aus der Kindheit bestimmte Menschen ein Leben lang beeinträchtigen. Dabei können Kinder ein einmaliges traumatisches Erlebnis (z.B. eine Misshandlung) in der Regel besser verarbeiten als gefühlte Unterdrückung über einen längeren Zeitraum. "Die Vernunft ist bei Kindern noch nicht so ausgeprägt wie bei Erwachsenen. Das Losreißen vom gewohnten Leben, das nicht spielen dürfen mit anderen Kindern, erleben sie auf psychischer Ebene so intensiv wie ein Erwachsener einen Aufenthalt im Gefängnis. Egal wie gut die Eltern auf der Sachebene argumentieren: die Gefühlswelt des Kindes malt trotzdem eine Bestrafung."


"Nicht spielen zu dürfen fühlt sich für Kinder genau so an
wie ein Gefängnisaufenthalt für Erwachsene"


ein ganzheitlicher Therapeut


Als junge Erwachsene entwickeln traumatisierte Personen unter Umständen asoziale, aggressive oder depressive Tendenzen. Das können Langzeitschäden werden, die uns als Gesellschaft noch Jahrzehnte in der Form von Unmut und Kriminalität begleiten, weil diese Menschen gerade jetzt ins Erwachsenenleben einsteigen. Außerdem ist es nach Auffassung des Therapeuten unmenschlich, Kindern beim Besuch der Großeltern oder schon beim Gedanken daran Schuldgefühle zu einzujagen. "Das ist gesundheitlich wie gesellschaftlich fatal".

Die Pandemie hat uns gezwungen, innerhalb kürzester Zeit zu priorisieren. Was schließen wir als letztes? Und was öffnen wir als erstes? Hier offenbaren sich gesellschaftliche Werte und Prioritäten. Dieses Thema wird uns weiter treu bleiben. Ob wir wollen oder nicht – wir werden uns darüber Gedanken machen müssen, was uns wichtig ist und was verzichtbar wäre. Spätestens wenn sich der Klimawandel zuspitzt.





26.06.2020
Kommentar: Sehnsucht nach Sommerloch
Ostfriesland. Sehr zu empfehlen! Ich finde, Politiker und Experten haben zuletzt harte und wertvolle Arbeit geleistet. Nun haben sie Urlaub verdient. Gern mehrere Wochen oder Monate am Stück. Eine Zeit ohne Briefings fände ich ganz gut. Keine Warnungen, keine Mahnungen, keine erhobenen Zeigefinger. Einfach Ruhe. Durchschnaufen für alle. So ein richtiges Sommerloch – das wäre es!





2.06.2020
Die reale Märchenwelt
Ein märchenhafter Parkspaziergang ist im Krisenjahr 2020 kein Traum. Er ist Realität!





25.05.2020
Gedämpfte Aufbruchstimmung an Nord- und Ostsee
Ein magischer Tag am Meer: Als letztes norddeutsches Bundesland beendet Mecklenburg-Vorpommern heute das Einreiseverbot für Touristen aus ganz Deutschland. Erste Urlauber kommen mit ihren Koffern an. Von Massentourismus und Ballermann fehlt jede Spur – sie haben an Nord- und Ostsee, abgesehen von wenigen Hotspots, ohnehin keine Tradition. Es überwiegt die stille Freude des ausgiebigen Strandspaziergangs. Das, wofür Tausende Menschen jährlich hierhin reisen.

Hoffnung macht sich bei Gastronomen und Hoteliers breit, wenngleich gedämpft. Bei maximal 60 Prozent Auslastung der Hotels sowie Abstands- wie Kontaktdatenregeln in Restaurants rechnen sie nicht mit großen Gewinnen. Selbst Kostendeckung wäre 2020 ein Segen, zumal die oft noch in Kurzarbeit befindlichen Angestellten mancherorts einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Laut Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) geben 81,5 Prozent der Restaurantbetreiber an, dass wirtschaftliches Arbeiten (d.h. mehr Umsatz als Kosten) unter den jetzigen Auflagen nicht möglich ist.

Immerhin geht es weiter, immerhin ist die Zeit des Stillstands vorerst überstanden. Ähnlich dürfte die Stimmung bei den Urlaubern sein. Gewiss vermisst manch einer das Frühstücksbuffet oder die Sauna. Dennoch: Der Strandspaziergang entschädigt für einiges. Er ist wie gemacht für all jene, die zu sich selbst finden möchten. Die räumlich und emotional Abstand von den alltäglichen Sorgen gewinnen möchten.

Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland hat beim Infektionsschutz derart vorbildlich mitgewirkt, dass der von vielen Gesundheitsexperten totgesagte Sommerurlaub 2020 doch noch in vernünftigem Maße möglich ist. Solange Einheimische und Reisende gleichermaßen rücksichtsvoll weitermachen, dürften Einreiseverbote endgültig der Vergangenheit angehören.





22.05.2020
Das gute Miteinander – Beispiel Bergwandern

Eine neue Lebensqualität: Seit dem 6.05.2020 gelten in Bayern keine Ausgangsbeschränkungen mehr, sondern Kontaktbeschränkungen. Damit sind Bergtouren wieder möglich! Der Deutsche Alpenverein (DAV) freut sich, dass die Bergsportgemeinschaft durch ihren wochenlangen Verzicht zur Eindämmung des Virus beigetragen hat. Dennoch ist es wichtiger denn je, gewisse Regeln einzuhalten. "Es geht darum, gewonnene Freiheiten so zu nutzen, dass eine neuerliche Zunahme der Ansteckungen verhindert wird," erinnerte DAV-Präsident Josef Klenner.

Neben den üblichen Abstands- und Hygieneregeln legt der DAV allen Sportlerinnen und Sportlern ans Herz, ihre Risikobereitschaft zu senken. Wer im Zweifel den leichteren Pfad nimmt, seine Tagesform nicht überschätzt, der schützt nicht nur sich. In Zeiten der Pandemie können Rettungsdienste und Mediziner vor noch größeren Herausforderungen stehen.

Die Dame gehört zu den Menschen, für die sämtliche Infektionsschutzmaßnahmen nie scharf genug sein können. Jeder Person, die ohne dringende Notwendigkeit das Haus verlässt, handelt in ihren Augen unverschämt rücksichtslos. Auf der anderen Seite lauern Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, die demonstrativ und vorsätzlich Abstandsregeln missachten. Sie demonstrieren ausgerechnet jetzt, wenn Deutschland hinsichtlich der Epidemiewelle kurz vor dem Ziel ist. Skurril ist, dass ein Großteil der Einschränkungen, die Unmut wecken, entweder schon aufgehoben ist oder kurz davor.

Etliche Empfehlungen entfalten ihre Logik auch über die Corona-Zeit hinaus! Beispielsweise sollte der Wanderer seine Rast am Gipfel etwas verkürzen, wenn vermehrt Gleichgesinnte dort ankommen und auch verweilen möchten. Rücksicht ist für den "echten" Bergsportler ohnehin Ehrensache. Der Schutz der Natur gehört dazu: Abfälle mitnehmen, Wildtiere und Pflanzen nicht stören, z.B. durch Lärm oder durch Verlassen der Wege.

Übrigens: Die Abstandsregeln, die wir seit der Pandemie kennen, galten in Bezug auf Kühe schon immer! Mit ausreichender Distanz, besonnener Körpersprache und gesundem Menschenverstand kommt man an die meist friedfertigen Zeitgenossen elegant vorbei – selbst wenn der "Begegnungsverkehr" imposant wirkt.





11.05.2020
Kommentar: Bleibt gesund. Bleibt gelassen!

Für die einen bedeutet jede Lockerung ein nahender Weltuntergang. Für die anderen ist jeder kleine Verzicht der Weltuntergang. Ich frage mich: wo ist der gesunde Mittelweg zwischen diesen zwei Extremen? Denn sie bestimmen zunehmend die öffentliche Diskussion. Gemäßigte, differenzierte Betrachtungen bleiben auf der Strecke. Sie sind von Natur aus eher still.

"Wer immer noch joggen will, gehört eingesperrt!", äußerte eine Facebook-Nutzerin Ende März 2020. Fakt ist, dass Joggen in Deutschland zu jeder Zeit erlaubt war und ist – auch auf Rat führender Virologen. Fakt ist ebenso, dass die Dame diese Meinung in unserer Demokratie äußern darf. Sie ist jedoch so extrem und so unschön ausgedrückt, dass sie mit dazu beigetragen hat, die Solidarität unserer Gesellschaft zu schwächen.

Die Dame gehört zu den Menschen, für die sämtliche Infektionsschutzmaßnahmen nie scharf genug sein können. Jede Person, die ohne dringende Notwendigkeit das Haus verlässt, handelt in ihren Augen unverschämt rücksichtslos. Auf der anderen Seite lauern Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, die demonstrativ und vorsätzlich Abstandsregeln missachten. Sie demonstrieren ausgerechnet jetzt, wenn Deutschland hinsichtlich der Epidemiewelle kurz vor dem Ziel ist. Skurril ist, dass ein Großteil der Einschränkungen, die Unmut wecken, entweder schon aufgehoben ist oder kurz davor.

Symptomatisch für die Spaltung unserer Gesellschaft waren die Reaktionen auf die Meldungen des Robert-Koch-Instituts, dass die Reproduktionszahl am 10. und 11. Mai 2020 zwischenzeitlich auf über 1 gestiegen ist. Die einen sehen sich bestätigt, dass die Lockerungen viel zu früh kamen und bald das böse Erwachen zu Buche schlägt. Die anderen nehmen die Berechnungen des RKI seit Wochen nicht mehr ernst. Journalisten wie Youtuber spiegeln dieses gesellschaftliche Spektrum wieder. Differenzierte Berichte, welche über die reine Meldung oder deren Kritik hinaus gehen, sind Mangelware.


"Gibt es eine vernünftige Mitte zwischen panischer Angst und pauschaler Wut?"

Veselin Kolev, freier Journalist und Fotograf


Nicht alle machen das, was aus meiner Sicht vernünftig ist. Nämlich, den Experten zu vertrauen und ihre Arbeit zu würdigen und zu schätzen. Im zweiten Schritt allerdings darf jeder mündige Bürger die Zahlen, Grafiken und Berichte des RKI unter die Lupe nehmen. Dabei ist mit bloßem Auge erkennbar: Die Reproduktionszahl schwankt. Sie liegt an manchen Tagen über 1, an anderen Tagen unter 1. Da sie in den letzten Wochen öfter und deutlicher unter als über 1 lag, sind die Fallzahlen insgesamt rückläufig. So gelange ich schnell und unkompliziert zum Fazit: Es ist weiterhin geboten, vorsichtig und rücksichtsvoll zu handeln. Doch Anlass zur Panik besteht seit Wochen nicht und am heutigen Tag auch nicht.

Ja, es gibt die rücksichtsvollen Menschen, die besonnen und bewusst handeln. Sie leben vorsichtig und strahlen dennoch gute Laune aus. Sie halten sich an Regeln aus Überzeugung und zum Wohle ihrer Mitmenschen. Gleichzeitig hinterfragen sie auf höfliche und zivilisierte Art und Weise Regeln, die möglicherweise über das Ziel hinausschießen. Die vernünftigen, liebevollen Bürgerinnen und Bürger sind die tragenden Säulen unserer Demokratie. Lassen wir sie verstärkt zu Wort kommen. Hören wir nicht immer auf die, die am lautesten schreien – sei es vor panischer Angst oder vor pauschaler Wut.

Vergessen wir nicht, dass wir mit dem Gesundheitsschutz unserer Mitmenschen und mit der verantwortungsvollen Rückkehr zu einer Art Normalität gleich zwei gemeinsame Ziele haben. Bleiben wir gesund und bleiben wir gelassen.





10.05.2020
Einsame Ostseeküste wartet auf Besucher

Im April 2020 blieben die deutschen Ostseestrände Fischern, einheimischen Spaziergängern und vereinzelten Geschäftsreisenden vorbehalten. Nicht mehr lange: Das Einreise- und Beherbergungsverbot soll in Schleswig-Holstein am 18. Mai fallen. Gleichzeitig öffnen in Mecklenburg-Vorpommern Hotels für Einwohner des eigenen Bundeslandes, eine Woche später für alle Bundesbürger.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) bezeichnete die Lage von Hotels und Restaurants Ende April als "katastrophal". DEHOGA-Präsident Guido Zöllick warnte vor einer "Pleitewelle nie gekannten Ausmaßes" mit dem Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze.

Eine klare Mehrheit der Bundesbürger hält es für vertretbar und wünschenswert, bei günstiger Entwicklung der Fallzahlen zumindest innerhalb von Deutschland Urlaub machen zu dürfen. Dr. Martin Stürmer, Virologe und Laborleiter aus Frankfurt, weist darauf hin, dass die Öffnung Gefahren birgt. Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, die bis jetzt in der Pandemie glimpflich davonkamen, könnten sich durch Touristen das neuartige Coronavirus wieder verstärkt ins Land holen, äußerte er im ZDF-Livestream.

Hinterher werden wir als Gesellschaft mehr wissen und dazulernen. Sowohl die epidemiologischen als auch die volkswirtschaftlichen, psychischen und anderen Konsequenzen werden sich erst später offenbaren – möglicherweise im Herbst. Auf Anfrage verweigerte Anfang Mai das Robert-Koch-Institut eine Stellungnahme, ob und unter welchen Bedingungen ein sicherer Beherbergungsbetrieb innerhalb Deutschlands diesen Sommer möglich ist. Was bis jetzt bekannt ist und was es vermuten lässt: Kapazitätsbeschränkungen um 40 bis 50 Prozent könnten zu hohen Preisen und dauerhaft ausgebuchten Hotels führen. Anstelle des Frühstücksbuffets müssten Gäste möglicherweise mit einem Lunchpaket Vorlieb nehmen. Wenn Anreise per Bahn, dann mit Mundschutzpflicht. Man könnte es als "Urlaub mit Hindernissen" empfinden. Doch in diesem so besonderen, schicksalhaften und oft wenig erfreulichen 2020 dürfte jeder Sommerurlaub als besonderes Glück in Erinnerung bleiben.





5.05.2020
Momente der Lebensfreude

Unter der Elbbrücke schaukeln zwei Mädels. Oben hören drei Jungs Musik. Vier andere essen Kartoffelchips. Diese Menschen verhalten sich regelkonform, denn wir sind hier in Sachsen-Anhalt, wo die Kontaktbeschränkung schon erheblich gelockert wurde.

Es kann jederzeit eine Pandemie kommen. Möglicherweise verläuft sie in mehreren Wellen. Darüber hinaus gibt es Wirtschaftskrisen, Überflutungen, Dürren. Manchmal eine akute Terrorgefahr. Doch früher oder später siegt das Leben und nicht die Angst vor dem Tod. Das ist die frohe Botschaft, die an diesem frühlingshaften Abend aus dem Herzen Magdeburgs in die ganze Bundesrepublik ausstrahlt. Noch mehr, in die ganze Welt!





4.05.2020
Sachsen-Anhalt – Vorprescher oder Vorreiter?

Auf dem ersten Blick mag die Frage geeignet erscheinen, die politische Landschaft und die Bevölkerung zu spalten. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben. Das Gebot der Stunde ist, Leben und Gesundheit zu retten und gleichzeitig den Menschen so viel Freiheit wie möglich und vertretbar zurückzugeben.

Die Tagesschau berichte am 2.05.2020 online über die von der Staatsregierung beschlossenen Lockerungen. "Sachsen-Anhalt prescht vor": diese Überschrift erschien manchen Lesern tendenziös. Eine Mehrheit der Kommentatoren aus der Bevölkerung begrüßte die Lockerungen. Andere äußerten wiederum Befürchtungen, dass die Fallzahlen dadurch wieder steigen werden. Nutzer "Adeo60" bezeichnete die Erlaubnis einer Gruppenbildung bis zu 5 Personen als "unvernünftig".

Fakt ist, dass sich die Regierungschefs von Bund und Ländern am 30.04.2020 geeinigt hatten, über weitergehende Lockerungen erst am 6.05.2020 zu beraten. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz bezeichnete es als "befremdlich", zwischendurch mit Lockerungen auszuscheren. Fakt ist allerdings auch, dass darüber weitgehend Einigkeit herrscht, regionale Unterschiede des Infektionsgeschehens zu berücksichtigen.


"Einen Ausnahmezustand können wir nicht ewig aufrechterhalten"

ein Regierungssprecher des Landes Sachsen-Anhalt


Die Präambel der ab 4.05.2020 gültigen fünften Corona-Eindämmungsverordnung des Landes Sachsen-Anhalt offenbart eine politisch-philosophische Erkenntnis. Ein Großteil des Verhaltens zur Ausbremsung des Virus "basiert auf Einsicht und Freiwilligkeit der Beteiligten und lässt sich nicht allein durch staatliche Regeln vorschreiben." Notwendig seien ein "neues gesellschaftliches Verständnis" und Selbstdisziplin.

Trotz einzelner Zwischenrufe aus der politischen Landschaft verteidigte ein Regierungssprecher diesen Kurs: "Bisher waren die Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter sehr verantwortungsbewusst. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies auch weiter so sein wird. Einen Ausnahmezustand wie den gegenwärtigen können wir nicht ewig aufrechterhalten. Wann, wenn nicht bei einem deutlichen Rückgang des Infektionsgeschehens, sollen wir beginnen, dass öffentliche und wirtschaftliche Leben verantwortungsvoll und behutsam wieder hochzufahren?"

"Vorprescher oder Vorreiter?" Diese Frage werden erst die Geschichtsbücher endgültig klären können. In den darauffolgenden Tagen gaben unter anderem Niedersachsen und Bayern einen vorbehaltlichen Zeitplan der schrittweisen Rückkehr zur Normalität bekannt. Neben dem rechtlichen Aspekt der ständigen Überprüfung der Notwendigkeit dürfte sicher eine Rolle gespielt haben, die überwiegend vorbildliche Bevölkerung ein Stück weit zu belohnen.





1.05.2020
Coronafreies Rostock - wie viel Zuversicht darf es sein?

Werden Menschen nachlässig und übermütig, sobald man ihnen Hoffnung macht? Am 23.04.2020 meldete Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen, dass der letzte Covid-19-Patient in der Hansestadt genesen ist. So erklärte er Rostock zur ersten coronafreien Großstadt in Deutschland.

Focus Online berichtete von einer "gemischten Stimmung" bei den Einwohnern der Hansestadt. Eine skeptische Lehramtsstudentin bezeichnet den Auftritt des Bürgermeisters als "leichtsinnig". Er suggeriere, dass die Krise vorbei sei und könne die Bürger dazu bewegen, "alle Sicherheitsmaßnahmen in den Wind zu schlagen".

Im April 2020 warnen deutsche Spitzenpolitiker Tag für Tag, dass allzu viel Optimismus gefährlich sein könnte, wenn er bei den Menschen Unvernunft und Leichtsinn weckt. Selbst erfreuliche Entwicklungen der Fallzahlen präsentieren sie mit zögerlicher Rhetorik und viel Wenn und Aber. In diesem Tenor äußert sich auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zur Entwicklung in Rostock. Sie freue sich darüber, dennoch sage sie ganz klar: "Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Wir haben es weiter mit einer hochansteckenden Krankheit zu tun. Es muss verhindert werden, dass es nach Lockerungen zu einem erneuten sprunghaften Anstieg der Infektionen kommt." Diese Floskeln sind inzwischen fast jedermann bekannt – sei es aus dem näheren Umfeld oder aus dem Bundeskanzleramt.


"Angst ist kein guter Ratgeber"

Claus Ruhe Madsen, Oberbürgermeister der Hanse- und Universitätsstadt Rostock


Oberbürgermeister Madsen betont, dass er auf seine "Coronafrei"-Statements überwiegend positive Reaktionen erhalten habe - aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. Ihm sei es wichtig, jetzt vor allem positive Motivationen nach vorn zu stellen: "Viele Menschen sind durch die Vielzahl der teilweise drastischen Maßnahmen sehr verängstigt. Doch Angst steht nicht für unsere Stadt, sondern Optimismus und Zukunftsgewandtheit."

Stimmt es, dass die Bevölkerung optimistische Aussagen von Politikern voreilig als Entwarnung wahrnimmt? Werden Menschen dann nachlässig und leichtsinnig? Prof. Dr. Peter Kropp, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universitätsmedizin Rostock, findet die Sorge berechtigt. Der Psychologe geht davon aus, dass in Phasen von Lockerungen die Regel-Übertretungen häufiger sind als bei komplettem Lockdown. Außerdem können Verstöße zu noch mehr Verstößen führen. Ähnlich wie bei einer Schafherde: die Hemmschwelle bei grenzwertigen Tätigkeiten sinkt, je mehr man dasselbe Verhalten bei anderen Menschen beobachtet.

Andererseits betont Kropp, dass das Signal schrittweiser Lockerungen wichtig ist als Perspektive für das weitere Leben der Menschen. Der Einzelne spürt eine gewisse Erleichterung, wenn er die Einschränkungen zeitlich einordnen kann. Für politische Entscheidungsträger entsteht eine respektable Gratwanderung, zumal sie zurückrudern müssten sobald die Infiziertenzahlen wieder signifikant steigen.

Das Krisenmanagement des Oberbürgermeisters Madsen könnte für ganz Deutschland wegweisend sein. Er machte frühzeitig den Ernst der Lage deutlich und die Hansestadt reagierte entschlossen. Entgegen den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts testete sie unter anderem Ärzte und Pfleger, auch wenn sie symptomfrei waren. Ebenso frühzeitig und entschieden kommunizierte Madsen den Erfolg an die Bevölkerung – sei es auch nur ein Zwischenerfolg. "Es geht jetzt darum, einen Weg aus der Krise hinaus zu weisen, der nicht von Angst, Leichtsinnigkeit und Negativ-PR geprägt ist. Angst ist kein guter Ratgeber", betont Madsen. "Optimismus, das sind Lebensfreunde und der Glaube an das Leben - und genau dafür steht Rostock."

Wachsamkeit und Optimismus müssen sich nicht ausschließen. Die Hansestadt Rostock hat in der Corona-Pandemie vorerst einen erfolgreichen Mittelweg aus Vernunft und Hoffnung entdeckt.





24.04.2020
Kommentar: Die Sorgen Merkels – Psychologie trifft Staatsrecht
"Wer zu früh aufsteht, riskiert einen Rückfall". Diesen Satz kennen wir, nicht erst aus einer Pressekonferenz des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder. Bestimmt hat ihn fast jeder von uns in der eigenen Kindheit gehört. Vor wenigen Tagen zeigte sich zudem Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel sehr besorgt, ob sich die Bürger weiterhin an die Schutzmaßnahmen halten. Solche Worte offenbaren die klassische Eltern-Kind-Beziehung. Sie ist geprägt von Liebe, Fürsorge und Restriktionen.

Meine Wertschätzung gilt den deutschen Spitzenpolitikern, die ihre "Elternrolle" äußerst fürsorglich, herzlich und vernünftig leben. Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen, wollen maximale Sicherheit und maximales Wohlbefinden für jeden Einzelnen. Wenn das Kind nach einwöchiger Grippe erstmals neue Kraft spürt, möchte es rausgehen und mit den anderen Kindern spielen. Doch die Eltern durchleiden jede Erkrankung des Kindes intensiver als ihre eigenen. Verantwortungsvoll sagen sie: "Nein, liebes Kind, du bleibst noch ein paar Tage im Bett und kommst nur in kleinen Schritten zurück ins gewohnte Leben."

Hier sprechen Vernunft und Fürsorge. Eltern, die bereits Rückfälle ihres Kindes erlebt haben, sind besonders vorsichtig. Doch die Gefühlswelt mischt sich mit ein. Manchmal ist das Kind bereits gesund, doch die Eltern haben sich noch nicht vom Schock erholt, dass das Kind krank geworden ist. Also liegt das Kind möglicherweise länger im Bett als notwendig, zur Beruhigung seiner eigenen Eltern? Eine gewagte Frage, die für kontroverse Diskussionen prädestiniert ist.

Dabei sind die Zusammenhänge keinesfalls trivial. Die Krankheit ist eine akute Gefahr für das Kind. Doch sollte ein Kind längere Zeit nicht mit anderen Kindern spielen, also kommunizieren, könnte das sein Leben beeinträchtigen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zeit vom vierten bis zum siebten Lebensjahr entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit ist. Dieser Zeitraum ist so knapp, dass es Eltern nicht verantworten können, das Kind monatelang ohne Notwendigkeit zu isolieren. Es geht keineswegs nur um Lebensfreude und eine erfüllte Kindheit. Spiele und kleine Streitereien fördern soziale Kompetenzen. Ohne sie fällt es diesen Menschen unter Umständen ein Leben lang schwer, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und sich im Beruf zu entfalten. Kommunikation ist alles – Berufsleben, Privatleben und Lebensfreude.

Ab wann ist das Kind zu hundert Prozent genesen? Ab wann überwiegen die Langzeitschäden durch das Nicht-Rausgehen-Dürfen? An diesem heiklen Punkt steht Deutschland im Moment bei der Pandemiebekämpfung. Wir handeln entschlossen, um eine akute Gefahr für menschliches Leben abzuwehren. Der Erfolg ist spürbar und messbar – wir erhalten täglich aktuelle Zahlen. Im Moment machen sie uns Hoffnung. Die Auswirkungen von Isolation, Kurzarbeit und sonstigen Belastungen kommen eher schleichend. Sie mit Zahlen und Grafiken aussagekräftig zu beziffern, dürfte für Wissenschaftler sehr herausfordernd sein.

Aus diesem Grund erinnert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der dritten Ad-hoc Stellungnahme vom 13.04.2020 an die Gratwanderung, die jetzt geboten ist. Die Verhältnismäßigkeit muss Tag für Tag überprüft werden. Eine Maßnahme muss "geeignet, erforderlich und angemessen" sein. Nun haben die meisten Bürgerinnen und Bürger kein Verwaltungsrecht studiert. Insbesondere im März 2020 hörte und las ich vermehrt Rufe: "Wir wollen Menschenleben retten. Je strenger die Maßnahmen, desto besser." Doch die Grundsätze unserer freiheitlichen Demokratie und ihre Auslegung durch oberste Verfassungsrichter sprechen eine andere Sprache. Es reicht nicht, ein richtiges Ziel zu verfolgen, sei es der Schutz der Bevölkerung oder die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die Maßnahmen müssen exakt auf dieses Ziel zugeschnitten wirken. Wenn das Ziel mit einem milden Mittel erreichbar ist, ist das harte Mittel nicht verhältnismäßig und daher rechtswidrig.

Diese Pandemie ist eine außerordentliche Herausforderung. Zumindest in Deutschland haben wir keine Erfahrungswerte aus der jüngsten Vergangenheit. So war es richtig und wichtig, frühzeitig zu handeln um Gefahren abzuwehren. Doch Tag für Tag lernen wir dazu und dieses neue Wissen können wir einsetzen um zu überprüfen, welche Schutzmaßnahmen weiterhin notwendig und vertretbar sind und welche nicht.

Hierzu zeigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestern eine beeindruckende Weitsicht. "Wir werden viel verzeihen müssen," sagte er. Möglicherweise würde er in einem halben Jahr seine eigenen Entscheidungen von heute kritisch hinterfragen, wenn neue Erkenntnisse vorliegen. Das trifft es auf den Punkt. Weder Kinder noch Eltern oder Politiker sind unfehlbar, gar perfekt. Das gesamte Leben ist ein Lernprozess. Und in einem halben Jahr werden wir möglicherweise schon wirksame Alternativen zum Lockdown kennen.

In jungen Jahren vertrauen Kinder auf den Sachverstand der Eltern. Sie haben mehr Lebenserfahrung, sind größer, stärker und versorgen einen mit allem, was man zum Leben braucht. Ähnlich vertrauen Bürger in die Politik, insbesondere jetzt in Krisenzeiten: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand". Der Moment der Wahrheit kommt, wenn Kinder erwachsen werden. Meistens erkennen sie, wie sehr die Eltern Recht hatten. Mit 28 kam ich zur Überzeugung, mich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Eigentlich hätte ich nur auf meine Eltern hören sollen, die dasselbe vor mehr als zehn Jahren predigten. Doch manche Kinder stellen fest, dass die Eltern hier und da Fehler gemacht haben, etwa indem sie ein besonders braves Kind besonders streng behandelt haben.

Es gilt tatsächlich, zu verzeihen und weiterhin zu lieben und zu danken. Denn Eltern sind genauso Menschen wie eben Politiker. Vielleicht wurden sie ihrerseits in der Kindheit ungerecht behandelt. Vielleicht stehen sie in einer kritischen Situation mit dem Rücken zur Wand und bangen um das, was ihnen am wertvollsten ist: das eigene Kind oder die Bürgerinnen und Bürger. Die jüngsten Äußerungen der Bundeskanzlerin lassen erahnen, wie viel Anspannung sich in dieser sonst so gelassenen, sachlich-ausgeglichenen und frohen Person angesammelt hat. Diese menschliche Komponente voller guter Absichten verdient ungeachtet der politischen Tätigkeit unser Mitgefühl und unsere Sympathie.





18.04.2020
Der Blog geht online!
Etwas unfreiwillig erleben wir im Moment pure Zeitgeschichte hautnah. Selbst Menschen, die gesundheitlich wohlauf sind, spüren eine gesellschaftliche Ausnahmesituation. Ob Virus oder Einschränkungen – vieles wirkt bedrohlich und ungewiss. Ich kann nicht länger zusehen, wie die Menschen immer leiser, immer unsicherer werden. Dieser Blog ist meine Antwort auf die Stille.

Das erfreuliche am Lockdown ist, dass wir durch Nichtstun Menschenleben retten können. Ob ich die jetzige Entschleunigung in einem Leben ohne Einschränkungen jemals erfahren hätte? Doch ich werde ehrlich sein. Arbeiten, essen, schlafen und sonst monatelang abwarten im Sinne des Gesundheitssystems – dieser Zweck und Inhalt menschlichen Lebens reicht mir nicht. Gerade jetzt ist es geboten, dass jeder seine Fähigkeiten im Sinne der Gesellschaft einsetzt. Das war es schon immer, aber jetzt ist es akut. Die einen sind körperlich stark, die anderen erfinderisch, Dritte können die Erfinderischen finanzieren. Andere wiederum stärken die Psyche notleidender Menschen. Ich persönlich habe Erfahrung im Schreiben und Fotografieren. Immerhin.

Mein Herzenswunsch ist, Euch Lesern Orientierung und Zuversicht zu schenken. Gerade in turbulenten Zeiten schulden Journalisten und Schriftsteller jedem Einzelnen ein gewisses Etwas. Sorgfältig recherchierte Informationen und ihre differenzierte Betrachtung stützen unsere stolze Demokratie. Meinen Fokus lege ich auf den Bereich Gesellschaft. Wie lebten wir vor Corona? Wie leben wir jetzt mit den Einschränkungen? Wie machen wir danach weiter? Die großen politischen Fragen werde ich vorerst nicht beleuchten. Doch mit kleinen lebendigen Geschichten werde ich mich immer mehr an sie herantasten.

Positive Impulse und Denkanstöße... Höchstes Ziel ist, mündige Bürger zu fördern, die weiterhin vernünftig, aber lebensfroh agieren. So dynamisch wie sich die Gesellschaft wandelt, so werden auch meine Texte sein. Es könnten Berichte für Tageszeitungen werden, es könnte ein Roman werden oder eine Bildausstellung. Darüber mache ich mir später Gedanken.

Ich brenne für diese Idee. Weitere Artikel habe ich bereits im Kopf und kann es kaum erwarten, sie aufzuschreiben und mit vielen Menschen zu teilen. Wenn Du eine Geschichte aus dem gesellschaftlich-philosophischen Bereich erzählen möchtest, die hier reinpasst, schreibe mich gern an.





13.04.2020
Das Bestmögliche
Gewiss ist, dass wir in absehbarer Zeit nicht zu unserem gewohnten Leben zurückkehren dürfen. Machen wir aus der Not eine Tugend! Erkunden wir die nähere Umgebung oder machen wir verstärkt Sport – und beachten dabei die geltenden Regeln. So geben wir jedem Tag die Chance, ein guter, erfüllter Tag zu werden. Glücksempfinden kennt keine Logik, es hängt nicht unbedingt von den Umständen ab. Jemand, der mit seinen Nächsten im Park spaziert kann mehr Glück empfinden als jemand, der eine Urlaubswoche in Hongkong verbringt. Wir haben jetzt die einmalige Chance, uns bewusst kleine Freuden zu gönnen. Ich bin gespannt, ob ich sie genauso oder sogar noch intensiver genieße als meine Aktivitäten vor der Corona-Zeit. Vielleicht mache ich jetzt Erfahrungen, die mein künftiges Leben zum Besseren ändern. Immer mehr, immer weiter, schneller, effizienter, lauter, luxuriöser... Das zu hinterfragen und bewusst das wahre Glück zu wählen, war es schon immer wert.






9.04.2020
Zug fahren – ein besonderes Geschenk
Ich darf Zug fahren. Sogar mit dem schnellen, komfortablen ICE. Es fühlt sich sehr besonders an. Was lange Jahre selbstverständlich schien, ist im Frühling 2020 ein Privileg.

Halt! Nein! Ich will die Denkweise vergangener Tage zur Seite schieben. Ein Privileg war es schon immer. Nur wird es mir erst heute bewusst. Damit sich der Zug in Bewegung setzt, haben unzählige Menschen ihren Intellekt und ihre Arbeitskraft zum Wohle von uns allen eingebracht. Von den natürlichen Ressourcen ganz zu schweigen – selbst wenn die Bahn umweltfreundlicher ist als andere Verkehrsmittel. Sobald ich meine Augen geöffnet habe, entdecke ich immer mehr Wunder. Die Gaben Tag für Tag auf dem Esstisch... Genieße ich sie wirklich? Ohne in Gedanken woanders zu sein? Denke und danke ich jedes Mal an die Menschen, die gearbeitet haben, um die Lebensmittel herzustellen?

2020 führte vor Augen, dass sich alles Liebgewordene von heute auf morgen aus unserem Leben verabschieden kann. Vom gemeinsamen Picknick bis hin zur eigenen Gesundheit: jedes Gut ist fragil. Das gilt genauso für Mobilität, für die Eisenbahn. Aus Eisenbahner- und Fachkreisen hört man die Sorge, dass bei hohem Krankenstand in einem einzigen Stellwerk möglicherweise halb Deutschland still steht. Eine Sprecherin der Deutschen Bahn ließ Zuversicht walten: Das Personal ist so bemessen, dass Ausfälle kompensiert werden können. Zum Beispiel sind Fahrdienstleiter so geschult, dass sie auch auf Nachbarstellwerken arbeiten können.

Froh und besonnen komme ich am Ziel an. Der Zug erreicht die Endstation mehrere Minuten zu früh. Eilig habe ich es nicht – Termine sind zurzeit Fehlanzeige. Ich bleibe 4-5 Meter zurück, damit ein anderer Mann als erster in Ruhe aussteigen kann. Er lächelt mich an und nickt dankend. Dieser Moment beflügelt meinen Traum von einem liebevollen menschlichen Miteinander, das bis jetzt kaum Beispiele kennt. Vor der Krise drängten sich die meisten Menschen an den Türen. Jeder wollte möglichst als erster aussteigen und weiter düsen. Ich bin überzeugt: die gegenseitige Rücksicht und Wertschätzung bis hin zum alltäglichen Lächeln gegenüber "fremder" Menschen werden wir nach Corona beibehalten. Für die Zeit nach den Einschränkungen habe ich mir fest vorgenommen, bei jeder Begegnung darauf zu achten. Doch warum erst dann? Ich kann gleich jetzt damit anfangen...






4.04.2020
Tierische Gelassenheit
Abstand... Abstand... Na gut, komm Schmusen! :) Ach Miezi. Du machst es richtig. Den Moment genießen. Dir jeden Tag Dinge gönnen, die dir Freude machen. Und falls Herrchen aus Versehen in eine Pressekonferenz zappt, gehst du ins andere Zimmer. Oder einfach raus!






16.03.2020
Abschied vom gewohnten Leben
Noch ist das öffentliche Leben in Deutschland weitgehend intakt. Doch als erfahrener "Vielfahrer" spüre ich, wo die "Reise" hin geht. Ich beobachte besorgte Politiker und erkenne ihre Hinweise zwischen den Zeilen. Die Bürger sind zunehmend verunsichert, die Laune oft gedämpft. Vergangene Woche überkam mich nach dem Fußball die Melancholie. Auf ein erfrischendes Getränk sagte ich meinen Sportkammeraden, dass wir definitiv zum letzten Mal spielen. Die meisten glaubten mir nicht, dass es so weit kommt. Zwei Tage später wurde uns mitgeteilt, dass die Halle ab nächste Woche nicht benutzt werden darf.

Das Yoga, das Restaurantessen, der Besuch – getrübt von der Endzeitstimmung versuchte ich, all das noch einmal zu genießen. So richtig unheimlich wurde die Entwicklung erst dann, als ich bei jeder Aktivität richtig erkannte, wann es das letzte Mal war.

So ist heute der vorerst letzte Ausflug in die Berge. Mir macht die Ansteckungsgefahr keine Sorgen. Vielmehr sehe ich eine große Welle von gesellschaftlichen und persönlichen Verlusten auf uns alle zukommen. Ich suche nach Zuflucht und finde keine. Äußere Umstände werden mein Leben kontrollieren und ich werde nicht einmal wissen, ob ich nächsten Monat meine Wohnung verlassen darf. Loslassen anstatt Festhalten – das ist eine Lebensaufgabe. Sehr bald werden wir gezwungen, sie innerhalb weniger Tage zu meistern.

Ich wollte ohnehin eine neue Lebensphase einleiten – weniger Freizeitstress, mehr Besinnung, mehr zwischenmenschliche, gesellschaftlich bedeutsame Aktivitäten. Ich wollte unbedingt selbst entscheiden, wann diese Phase beginnt und wie schnell der Übergang sein darf. Doch das Dasein in der Komfortzone ist ausgeträumt. Und das ist gut so! Jede Schwierigkeit fördert die eigene Kraft und Weiterentwicklung. Sie zaubert ungeahnte Chancen.

Mit jeder noch so schmerzhaft erzwungenen Leere entsteht Raum für Neues, ja für Wunderschönes. Vielleicht finde ich gerade in der sich anbahnenden Notsituation das wahre Glück. Vielleicht wird es eine ehrenamtliche Tätigkeit. Vielleicht wird es bloß, anderen Menschen Mut zu machen. Heute spüre ich am Ende meiner Wanderung, dass mich die Zuversicht zunehmend verlässt. Genau deswegen werde ich sie mit aller Kraft anderen Menschen geben.






9.03.2020
Auf was können wir verzichten?
"Verzicht" wird 2020 mit großer Wahrscheinlichkeit Wort des Jahres und Unwort des Jahres zugleich. Den Anfang hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in seiner heutigen Pressekonferenz gemacht. Da wir aufgrund der nahenden Epidemie mit Einschränkungen rechnen müssen, erläuterte er seine Überlegungen, welche Aspekte des Lebens eher verzichtbar sind als andere. Seine Worte beschäftigen mich. Eine allgemeingültig festgelegte Reihenfolge der Prioritäten im Leben bereitet mir Bauchschmerzen.

Wenn ich drei Personen zum Thema "Kaffee" befrage, könnten die Ergebnisse so aussehen:

Nr. 1: "Ein Leben ohne Kaffee ist kaum vorstellbar und in jedem Fall nicht lebenswert"
Nr. 2: "Auf Kaffee kann man locker verzichten"
Nr. 3: "Ein Leben ohne Kaffee ist gesünder und glücklicher als mit Kaffee"

Doch unterm Strich haben sich die Worte des Ministers als passend erwiesen. Gewissen Verzicht wird die Menschheit 2020 von fast jedem Individuum benötigen und verlangen. Die brisante Frage bleibt nur, wie weit dieser reichen darf.

Wie es der Zufall will, befinden wir uns mitten in der Fastenzeit. Der religiöse Hintergrund: einen Charaktertest überstehen, sich auf das Wesentliche besinnen. Ob Fleisch, Schokolade, Alkohol oder übermäßige Vergnügen: Verzicht reißt uns aus der Komfortzone heraus und gibt uns dadurch Kraft. Wer das Fasten überlegt und behutsam angeht, stärkt seine Gesundheit. Ich bin überzeugt, dass uns 2020 in vieler Hinsicht eine fast ganzjährige Fastenzeit beschert – mit all den Qualen und all den Wundern, die das Heilfasten für Mensch und Umwelt parat hat.

Verzicht ist nicht zuletzt eine bewusste Entscheidung zu geben, anstatt zu nehmen. Menschen, die überproportional nehmen erscheinen mir nicht sonderlich glücklich. Noch mehr haben und nehmen






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